Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 20 (1937)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1937)
- Article
- Bemerkungen über die Notwendigkeit einer rationellen Krisenpolitik
- Date
- 1937-06-01
- Page
- Seite 290 (sequence 12)
- Language
- German
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die städtische Produktion nicht in demselben Maße auf den Binnenmarkt angewiesen wie die Landwirtschaft. Gelingt es uns durch Schaffung von Exportindustrien42 die Kaufkraft in den Städten zu heben, so werden wir dadurch auch den Markt für unsere Landwirtschaft erweitern und die Grundlage für ihre Weiterentwicklung schaffen. Unser Privatkapital ist wegen seiner Struktur nicht fähig, auf diesem Gebiete wirklich nützliche Arbeit zu leisten. Ein »Kapitalist« mit 1000 bis 5000 £ — und solche bilden die überwältigende Mehrheit — kann in der heutigen Welt der Großbetriebe und der Weltwirtschaft nicht Wegbahner sein. Es fehlt ihm sowohl die nötige Einsicht in die verwickelten Bedingungen der Erzeugung und Verteilung, als auch die Möglichkeit, diese in entsprechendem Umfang zu beginnen. Außerdem ist zu berücksichtigen, daß das Kapital in den letzten Jahren eine wichtige Erfahrung gemacht hat, nämlich, daß es sich nicht lohnt, in Industrieunternehmungen zu investieren. Bezeichnend für die Unfähigkeit unseres Privatkapitals neue Wege zu bahnen, ist sein Versagen auf jenen Gebieten, die in Palästina besonders naheliegend zu sein scheinen. Es gibt keine nennenswerte Erzeugung von Andenken, die wohl auf der ganzen Welt Absatz finden könnten und die Fremden sind auf jemenitischen oder japanischen Schund angewiesen. Buchdruckerei, Fruchtkonserven, Zigarettenindustrie, chemische Industrie 43, das alles existiert hauptsächlich in der zionistischen Propagandaliteratur. Augenscheinlich übersteigen diese Aufgaben die schwachen Kräfte unserer Kapitalisten (bestimmt nicht die Kraft unseres Kapitals als Ganzen). Ist es wirklich richtig, zu warten bis sich ein Millionär erbarmt und uns ein paar Brocken zuwirft, indem er eine gutgehende Fabrik eröffnet (siehe die Brauerei in Rischon-le-Zion). Sollte nicht das nationale Kapital planmäßig geeignete Gebiete sondieren und zu erschließen versuchen? Die einzige Möglichkeit neue Gebiete zu erschließen ist: Experimentieren. Unter Beteiligung des Privatkapitals, wenn notwendig, auch allein, muß das nationale Kapital Fabriken anlegen, Arbeiter ausbilden, Märkte erschließen usw. Das klingt nicht vielversprechend, aber es ist der einzige Weg. Und ist nicht so kostspielig, wie es auf den ersten Blick erscheinen könnte. Mit 50.000 bis 100.000 £ jährlich läßt sich sehr viel machen. Das ist zwar viel mehr als das sogenannte Budget des Industriedepartements der Jewish Agency (bei 8000 £) oder das Aktienkapital der sogenannten Industriebank (10.000 £) aber bestimmt keine unerreichbare Summe. Es ist nicht möglich, hier auf Einzelheiten einzugehen. Es bedarf der genauesten Kenntnis der bisherigen Erfahrungen der palästinensischen Industrie, um beurteilen zu können, was im Augenblick und was auf längere Sicht besonders angezeigt wäre. Über eine solche Kenntnis, die Einsicht in den Geschäftsgang erfordert, kann ein Außen- 42 Die lange Diskussion über das Thema: Industrie für den heimischen Bedarf oder Exportindustrie, wird jetzt durch das Leben selbst entschieden. Ehe Parteigänger der Industrie für den heimischen Bedarf sind von der Voraussetzung der großen Kaufkraft der Bevölkerung (und der Weltwirtschaftskrise) ausgegangen. Jetzt ist die Lage umgekehrt. Die Kaufkraft im Innern sinkt und das Sinken wird sich durch Injektion des irgendwie verfügbaren Kapitals nicht aufhalten lassen. Die Schrumpfung des Marktes macht jede Kalkulation für die Industrie sehr schwierig. Demgegenüber kann die Exportindustrie 1. ihre Kalkulation auf den warenhungrigen Weltmarkt einstellen, 2. Geld ins Land bringen und uns von der irrationalen jüdischen Kapitaleinfuhr wenigstens teilweise unabhängig machen. 43 Dieser »Wunschzettel« ist dem obzitierten Memorandum der Jewish Agency an Simpson entnommen (Seite 78).