Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 20 (1937)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1937)
- Article
- Bemerkungen über die Notwendigkeit einer rationellen Krisenpolitik
- Date
- 1937-06-01
- Page
- Seite 286 (sequence 8)
- Language
- German
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landwirtschaftliche Kolonisation wird man also zu einer Zeit wieder aufnehmen können, wo die gesamte Volkswirtschaft der wegbahnenden Initiative unserer öffentlichen Fonds weniger bedürftig sein wird, als sie es heute ist. Die Ankurbelung der Wirtschaft durch den Shikhun. Seit Beginn der gegenwärtigen Krise (Herbst 1935) haben unsere öffentlichen Fonds ihre Tätigkeit in der Stadt fast ausschließlich auf die Förderung des Baues kleiner Häuser (Shikhun) und auf die Förderung des Straßenbaus beschränkt. 1936 hat man direkt zirka 50.000 £P investiert26 und für 1937 sind im ordentlichen und außerordentlichen Budget der Jewish Agency insgesamt 70.000 £P vorgesehen (aus dem Voranschlag sind die genauen Zahlen nicht zu ersehen). Der Bau von Arbeiterwohnungen hat seit langer Zeit einen suggestiven Einfluß auf unsere Wirtschaftspolitik ausgeübt. Das sozialpolitische Streben, den Arbeiter zu »entproletarisieren«, schien hier mit der Notwendigkeit der Arbeitsbeschaffung glücklich vereint zu sein. Außerdem hinterließ die Wohnungsmisere der Jahre 1933/34 in der öffentlichen Meinung und in den maßgebenden Kreisen einen bleibenden Eindruck. Nun ist gerade in Palästina aus wirtschaftlichen Gründen der Wohnungsbau als Mittel der Arbeitsbeschaffung und der »Ankurbelung« nicht am Platze, obwohl dieser Weg anderswo richtig sein dürfte. Sozialpolitische Erwägungen können — so wichtig sie an und für sich sein mögen — jetzt nicht maßgebend sein. Denn die wichtigste Aufgabe ist im Augenblick nicht: wie bekommt der Arbeiter eine bessere Wohnung? sondern: wie erhält er eine stabile Arbeits- und Lebensmöglichkeit 27. Gegenwärtig scheint auch ein erhöhtes Angebot von Wohnungen zur Herbeiführung einer Senkung der Mieten nicht notwendig zu sein. Diese ist eine automatische Folge des Sinkens der Kaufkraft, wie es jetzt das Beispiel von Tel Aviv zeigt. Psychologische Momente, welche die Bewegung nach unten gehemmt haben, weichen immer mehr der wirtschaftlichen Notwendigkeit. Das Problem der hohen Mieten ist schon heute zum Teil durch das Problem der Bezahlung der Miete überhaupt verdrängt. Es ist schon seit einem Jahr sichtbar, wohin die Dinge treiben. Das Wohnungsproblem war in seiner bisherigen Form eine einmalige Folge der großen Einwanderung und die ökonomische Funktion der hohen Mieten war viel wichtiger als die empörte öffentliche Meinung glauben will. Diese hohen Mieten werden jetzt durch eine große wirtschaftliche Operation — die Krise — liquidiert, und es mutet etwas komisch an, wenn man durch Bau von einigen Tausend Einfamilienhäusern dabei der Krise mitzuhelfen glaubt. Das dritte Motiv des Shikhun, der seine Tätigkeit als Krisenhilfe auch als Ankurbelung der Wirtschaft sieht, wendet zu Unrecht. ausländische Methoden auf Palästina an. In anderen Ländern werden Wirtschaftskrisen durch Verstopfung der Absatzwege verursacht und äußern sich durch Überproduktion (oder Unterkonsumtion je nach der Theorie). Daher wählt man dort gern den Wohnungsbau u. dgl. 28 zur Ankurbelung der Wirtschaft, weil dadurch die Kaufkraft der Bevölkerung ohne Vermehrung der auf dem Markt befindlichen Güter oder Vergrößerung der Produktions- 26 Ohne die Erträgnisse der Obligationenemission einzurechnen, die eigentlich auch andere öffentliche Reserven anführt. 27 Soll dies dadurch möglich sein, daß er für sich eine Wohnung baut? Dies wäre nur bei einer steigenden Einwanderung möglich. 28 Alle öffentlichen Bauten und sogenannten Public-Utility-Unternehmungen gehören in dieselbe Kategorie wie der Shikhun, und ihre Finanzierung aus unseren öffentlichen Mitteln ist ebensowenig am Platz, wie die des Wohnungsbaues. Dagegen ist Finanzierung durch das private Kapital — wie beim Tel Aviver Gaswerk — nur zu begrüßen-