Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 20 (1937)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1937)
- Article
- Bemerkungen über die Notwendigkeit einer rationellen Krisenpolitik
- Date
- 1937-06-01
- Page
- Seite 285 (sequence 7)
- Language
- German
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die schlummernden Kräfte der Wirtschaft erwecken und so für das produktive Anlagemöglichkeiten suchende Kapital, solche Möglichkeiten zu erschließen. Denn nur durch Schaffung neuer Erwerbs-, das heißt neuer Produktionszweige kann die Krise überwunden werden. Diese Aufgabe der öffentlichen Fonds darf nicht mit der gegenwärtig gern angewendeten Finanzierungsmethode verwechselt werden, die beispielsweise bei der Bizur Ltd., PASA, N. F. — Obligationen in Erscheinung getreten ist. Das private Kapital beteiligt sich an diesen Institutionen als Anleihegeber23. Diese Finanzierungsmethode ist an und für sich gewiß nicht schlecht. Aber es wird nicht möglich sein, Palästina in der Weise aufzubauen, daß man dem privaten Kapital seine Anlagen plus 6% Verzinsung garantiert. Vielmehr müssen Möglichkeiten geschaffen werden, die das private Kapital veranlassen, Investitionen auf eigenes Risiko vorzunehmen. Diese Möglichkeiten aufzudecken, diesen Weg bei normalem Geschäftsrisiko gangbar zu machen, ist Aufgabe des öffentlichen Kapitals. Das private Kapital — das jüdische Kleinkapital — kann nicht Pionierdienste leisten und kann auch nicht das höchst spekulative »pioniermäßige« Risiko auf sich nehmen, das mit jeder Wegbahnung verbunden ist. Auf dem Gebiet der Landwirtschaft hat das nationale Kapital diese wegbahnende Funktion bereits erfüllt. Man ist dank großzügiger Experimente soweit, daß die Landwirtschaft heute in Palästina zwar eine schwerere (weil teilweise ungewohnte) Arbeit erfordert als andere Berufe, aber nicht mehr Pionierarbeit ist. Die Frage der Investitionen des Privatkapitals in der Landwirtschaft ist, dank diesen Experimenten, heute in der Hauptsache eine Frage der Rentabilität oder wenigstens der Existenzmöglichkeit. Durch weitere Investitionen der öffentlichen Fonds wird also in der Landwirtschaft kein zusätzliches Kapital zur selbständigen Anlage angezogen werden. Daher ist gegenwärtig die kolonisatorische Tätigkeit der öffentlichen Fonds als »unwirtschaftlich« anzusehen und auf ein Minimum einzuschränken. Das ist keine Verkennung der Bedeutung der Landwirtschaft für das jüdische Aufbauwerk. Die Landwirtschaft wird mit Recht als Grundlage des Aufbauwerkes betrachtet. Die Landwirtschaft ist die soziale Grundlage jeder Gesellschaft. Man darf aber ihre soziale nicht mit ihrer wirtschaftlichen Bedeutung verwechseln. Ihre wirtschaftliche Rolle ist in der heutigen Welt sekundär. Aber auch wenn die Landwirtschaft die allererste Rolle spielte, könnte das allein noch nicht dafür entscheidend sein, was man zuerst macht. Das logisch Primäre ist nicht notwendigerweise auch das zeitlich Primäre. Das Wichtigste muß nicht notwendigerweise zuerst gemacht werden, aber es muß im richtigen Augenblick und gut gemacht werden. Durch Schaffung von Wirtschaften auf dem Lande, deren Existenzmöglichkeit zweifelhaft ist, werden wir wenig helfen24. Ursprünglich wurde behauptet (z. B. von Dr. Ruppin), daß das Tempo der landwirtschaftlichen Kolonisation dasjenige der städtischen Entwicklung bestimme. Diese These wurde selbst von Dr. Ruppin stillschweigend aufgegeben25 und es sollte jetzt nicht bestritten werden, daß die Entwicklung der Landwirtschaft durch den städtischen, wirklichen, das heißt zahlenden, Bedarf bestimmt ist. Die 23 Für diese Anlagen kommt hauptsächlich besonders mürbes Kapital (Haavaragelder) in Frage, zum Teil werden gewisse Institute systematisch angepumpt. Der Anteil des echten Privatkapitals an den neuen Gesellschaften ist wahrscheinlich nicht groß. 24 Man wende nicht ein, daß dieses Argument — mit Unrecht — vor Jahren gegen die Kolonisation erhoben wurde. Damals galt es zu experimentieren. 25 Vgl. Kongreßreferat 1935, worin er behauptete, daß eine Einwanderung von 50.000 die Ansiedlung von 5000 bis 10.000 Menschen ermöglicht.