Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 20 (1937)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1937)
- Article
- Bemerkungen über die Notwendigkeit einer rationellen Krisenpolitik
- Date
- 1937-06-01
- Page
- Seite 281 (sequence 3)
- Language
- German
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In fünf Jahren (1931 bis 1936) ist die jüdische städtische Bevölkerung durch Einwanderung von 132.000 auf 306.000 Seelen gestiegen7. Es ist klar, daß sich die gesamte Wirtschaft auf die Befriedigung der Bedürfnisse dieser Einwanderung und des einwandernden Kapitals einstellte. Eine ziffernmäßige Erfassung dieser Erscheinung ist aus Mangel an statistischen Unterlagen schwer möglich 8. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, daß die Baubewegung fast ausschließlich auf die Einwanderung eingestellt war und im allgemeinen mit jedem Arbeiter am Bau etwa zwei Arbeiter anderswo Beschäftigung finden9. Eine Anzahl von Industrien (z. B. die Möbeltischlerei) und ein Großteil des (überbesetzten) Handels hat davon gelebt, daß die Einwanderer sich neu einrichten mußten. Die Spekulation hat der Wirtschaft sehr viel Geld zugeführt: unmittelbar durch Käufe und auch mittelbar. Ein Großteil der Büroangestellten (die 1935 in Tel Aviv etwa 4% aller Lohnempfänger ausmachten), Druckereien, Rechtsanwälte, Taxibesitzer, Straßenbaugesellschaften — die alle waren durch die Bodenspekulation beschäftigt. Auch Hotel- und Gastgewerbe usw. haben von der oft »spekulativen« Touristik gelebt. Daraus soll nicht gefolgert werden, daß die Struktur der palästinensischen Wirtschaft ungesund wäre. Es geht aus dem Gesagten nur hervor, daß sich die Wirtschaft auf die Einwanderung eingestellt hatte und daß sie sich jetzt umstellen muß. Denn die künftige Einwanderung, so groß ihre absolute Ziffer auch werden mag, wird kleiner sein als die bisherige 10. Das bedeutet, daß Kapital und Arbeit, die bisher für die Einwanderung gearbeitet haben, sich neue Tätigkeitsgebiete suchen müssen. Die Wirtschaft muß sich den neuen Bedingungen anpassen. Wie eine solche Umstellung, die sozusagen selbsttätig vor sich geht, in der Praxis aussieht, was sie für die davon betroffenen Menschen und für das betroffene Kapital bedeutet, braucht wohl nicht näher ausgeführt werden. Um vom Ausmaß dieser Umstellung ein ungefähres Bild zu geben, werden unten einige Schätzungen des Statistischen Amtes der Jewish Agency für Ende 1936 gegeben. Ende 1936 waren im Baugewerbe 36.000 Personen beschäftigt. Hievon werden in Zukunft kaum mehr als 50%, das heißt 18.000, in diesem Gewerbe bleiben können 11. Vom Transportwesen leben 21.000 Menschen. Nehmen wir an, daß trotz des Rückganges im Baugewerbe 70%, das heißt 15.000 darin weiter Beschäftigung finden (ein- 7 Zahlen des offiziellen Zensus von 1931 und Schätzung des Statistischen Büros der Jewish Agency per Dezember 1936 (siehe Bulletin des Statistischen Büros vom 1. Februar 1937). In den obigen Zahlen ist die Bevölkerung von Petach Tikwah, Rechoboth, Hederah u. dgl. nicht enthalten, obwohl diese Siedlungen als Kleinstädte anzusehen sind. 8 Für die Jahre der großen Entwicklung sind wir auf die Schätzungen des budgetär unterernährten Statistischen Büros der Jewish Agency angewiesen. 9 Z. B. Keynes im Jahre 1930. In Palästina dürfte die Zahl kleiner sein. 10 In den Jahren 1933 bis 1936 sind 160.000 Menschen eingewandert. Die jüdische Bevölkerung hat 1932 200.000 Seelen betragen. Sollte in den nächsten Jahren die Einwanderung proportioneil weitergehen, so müßten zu den 400.000 Juden, die heute in Palästina wohnen, in vier Jahren 326.000 Menschen einwandern, das heißt jährlich 30.000. Wir sind außerstande, eine solche Einwanderung zu finanzieren. 11 Der Stand von 1936 weist schätzungsweise gegenüber 1935 keine wesentlichen Änderungen auf. Nun hat man im Jahre 1935 den Wohnungsbedarf von 60.000 Einwanderern gedeckt. Die Annahme einer 50%igen Baubeschäftigung setzt also eine Einwanderung von 30.000 Menschen pro Jahr voraus. Dies dürfte für die nächsten Jahre reichlich optimistisch sein (wovon sollen die Einwanderer leben?) und deckt demzufolge auch anderweitige Ansprüche an das Baugewerbe (z. B. in der Orangenindustrie).