Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 20 (1937)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1937)
- Article
- Zur Kritik der arabischen Bewegung
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 6)
- Language
- German
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bildender Kraft einsetzte. Deshalb war dieser Nationalismus in den erhabensten Bestrebungen der zeitgenössischen Menschheit verwurzelt. Meinungs- und Gewissensfreiheit, Gleichheit aller Menschen, Gleichstellung der Frau, freie, ungebundene Forschung auf allen Gebieten des materiellen und geistigen Lebens, Schaffensfreiheit und ihre Förderung, kühne, umwälzende Reformen auf dem Gebiete der Erziehung, gewaltige Entwicklung aller Kunst und Wissenschaft — all dies diente als breite Basis für die europäischen nationalen Bewegungen. Erst in allerletzter Zeit erhob der europäische Nationalismus einen totalitären Anspruch auf Macht. Die arabische Bewegung kennt nur diese letzte Etappe des europäischen Nationalismus. Zu ihrem Unglück gingen ihr keine durchgreifenden geistigen Erneuerungsbestrebungen wie in Europa voraus und sie wurde von allem Anfang von keinen Tendenzen zu einer kulturellen Wiedergeburt begleitet. Zwar tauchten hie und da Keime einer neueren Kultur im arabischen Orient auf, es ist aber eine Tatsache, daß das nationale Erwachen der Araber im allgemeinen vor allem ein Politikum war, entstanden in einer Atmosphäre internationaler politischer Machtkämpfe europäischer Imperialisten und ihrer arabischen Gegenspieler und nicht im Milieu einer kulturellen Gärung. Das nationale Erwachen der Araber zeigte bisher noch fast keine Merkmale eines inneren organischen Prozesses, begründet in einer gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung, hervorgerufen durch die natürliche wirtschaftliche Entwicklung, wie wir sie im Laufe des letzten Jahrhunderts bei allen erwachenden unterdrückten Völkern in Europa beobachten konnten, sondern scheint ein entliehener Prozeß zu sein, zusammengestückelt von Agenten und Abenteurern, unterstützt, wenn nicht hervorgerufen, durch fremde Kräfte und genährt von äußeren politischen Ereignissen. Wenn wir die Tätigkeit von AI-Afghani analysieren, so gelangen wir zu der Überzeugung, daß sogar seine Bemühungen um die Reform der Religion nicht dieser, sondern lediglich politischen Zielen dienen wollten. Auch sein Auftreten war kein Ergebnis eines vorhergehenden Ringens von Ideen, sondern ein plötzlicher, revolutionär-politischer Sprung. Er begann mit seinem Predigen ungefähr im Jahre 1870 in Ägypten mitten im politischen Kampfe dieses Landes gegen den europäischen Imperialismus. Und von diesem Kampf war seine Tätigkeit beherrscht. Ein Beweis dafür ist sein Schüler Abduh: der Lehrer hat diesen Mann, der viel mehr kulturellen als politischen Interessen nachging, seiner rein politischen Einstellung unterworfen und soweit gebracht, daß er den Gedanken einer Evolution durch Erziehung verließ und sich einer politischrevolutionären Tätigkeit widmete. Der napoleonische Feldzug verpflanzte den Gleichheitsgedanken der französischen Revolution auch in den arabischen Orient. Aber dieser Gedanke hat sich bis heute dort nicht einzubürgern vermocht, obwohl durch das ganze 19. Jahrhundert die Propagierung dieses Gedankens nicht aufgehört hat. Die gesellschaftlich auf einer niedrigen Stufe gehaltene Frau kann als bester Beweis dafür dienen. Auch die patriarchalischfeudale Ideologie bezüglich der Stellung der verschiedenen sozialen Gruppen in der Gesellschaft spricht dafür. Die Durchdringung der arabischen Bewegung mit fascistischen Ideen sieht man daran, daß der Gleichheitsgedanke nur in einer ganz eigenartigen Hinsicht aufgenommen wurde, und zwar wurde er hier vom Individuum auf das Volkskollektiv übertragen: Der Gedanke der Freiheit sei zwar sehr erhaben, aber beziehe sich in seiner Vollkommenheit nur auf die Völker untereinander, die einander gleich sein müssen, aber keineswegs die Söhne eines Volkes selbst. Bezeichnend für die arabische Bewegung ist die Starrheit der moslemischen religiösen Ansichten und die Unberührbarkeit des als heilig geltenden Gebietes der religiösen Tradition. Der Panislamismus von Afghani und Abduh hat sich, sofern er