Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 20 (1937)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1937)
- Article
- Zur Kritik der arabischen Bewegung
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 4)
- Language
- German
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könnte, wird eifrigst propagiert. Die arabische nationale Bewegung wird somit zur Festigung der aus der türkischen Zeit übernommenen sozialen Verhältnisse ausgenützt, die sich durch eine rücksichtslose Ausbeutung der Volksmassen auszeichnen. Die fascistische totalnationale Einstellung und die ihrer Ideologie entnommene Ablehnung sozialer Kämpfe und wirtschaftlicher Auseinandersetzungen sind hier besonders willkommen. Insoweit die arabischen Massen von der arabischen Bewegung mitgerissen werden, wirken hier hauptsächlich folgende Faktoren mit: der Haß, der jedem Fremden gilt und hauptsächlich jedem fremden Herrscher; eine religiöse Hetze, die leicht zu entfachen ist, weil die überwiegende Mehrheit der an der arabischen Bewegung Beteiligten Moslems sind, während die fremden Herrscher nach dem Kriege Europäer und Christen sind; die verzweifelte wirtschaftliche Lage, die die leidenden Volksschichten veranlaßt, den Führern, die vieles versprechen, zu folgen, und endlich die Hoffnung, die jeder nationalen Bewegung eigen ist, daß nach der Vertreibung des fremden Herrschers alles Unglück aus der Welt geschafft und das Reich Gottes auf Erden entstehen werde. Den gesellschaftlichen Charakter der arabischen Bewegung kennzeichnet ihre Zusammensetzung: Vergeblich werden wir in den Komitees und Zentralen der Bewegung in allen arabischen Ländern ohne Ausnahme einen Fellachen oder Arbeiter suchen. Im Gegensatz zu den europäischen nationalen Bewegungen setzt sich die arabische Bewegung nicht aus Parteien, die auf fester Mitgliedschaft, auf Mitgliedsbeiträgen usw. aufgebaut sind, zusammen. Die arabischen Parteien sind eigentlich nur Komitees, die aus Vertretern der reichsten Notabelnfamilien zusammengestellt sind. Die Masse ihrer Anhänger und Mitläufer bleibt unorganisiert und von einer richtigen Verbindung mit der Partei ist hier keine Spur, auch könnte keineswegs die zahlenmäßige Größe dieser Parteien festgestellt werden. Parteien als organisierte Zellen einer politischen Demokratie, wie wir sie in Europa treffen, bestanden hier noch nie. Es könnte vielleicht noch von einer eigenartigen, patriarchalischen Demokratie die Rede sein, insoweit sich die Führer mit den Komitees von Fall zu Fall beraten und vor Volksversammlungen, gewöhnlich in den Moscheen, Reden halten. Sogar in Ägypten, das eines der fortschrittlichsten Länder im arabischen Orient ist, veranstaltet die größte und herrschende Partei des Wafd keine Konferenzen auf Grund von Wahlen, sondern nur Massenzusammenkünfte, richtiger gesagt, Volksdemonstrationen und dazu noch Sitzungen des parlamentarischen Klubs, die aber nur beratenden Charakter haben. In Syrien, Palästina und im Irak besteht lediglich die obenerwähnte patriarchalische Demokratie: Es kommen einige Dutzend Notabein zusammen und diese ernennen eine gewisse Zahl von Vertretern, welche die entsprechende Partei oder das arabische Volk vor der Öffentlichkeit und der Macht repräsentieren, ohne daß die Parteimitglieder jene gewählt haben oder überhaupt vorher befragt wurden. Die arabische Bewegung beherrschen hauptsächlich Mitglieder der reichen, vornehmen Familien, Inhaber großer Ländereien, Advokaten, reiche Kaufleute und überhaupt Mitglieder der obersten Schichten. Gebildete aus armen Bevölkerungsschichten gibt es in Palästina unter den Arabern vorläufig überhaupt nicht oder nur sehr selten, und findet sich ein solcher, so dient er treu einer der maßgebenden reichen Familien. Das von der nationalen Wafdpartei beherrschte Ägypten verspricht seit Jahren eine Arbeitergesetzgebung, ohne etwas zu unternehmen, um dieses Versprechen zu erfüllen. Im Irak wird jeder Keim einer Arbeiterbewegung unterdrückt. In Syrien gibt es fast keine Arbeiterbewegung und insoweit eine solche in Form von winzigen und armen Vereinen auch besteht, ist sie das Ergebnis des armenischen und kommunistischen Einflusses und nicht ein Bestandteil der arabischen nationalen Be-