Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 19 (1936)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1936)
- Article
- Die Kinder der Altstadt von Jerusalem
- Date
- 1936-12-01
- Page
- Seite 610 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2379786-2379939-2379952-2409711--23985-2409882- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
vier bis neun Kinder. Die Säuglings-, respektive Kindersterblichkeit ist nicht so groß, wie dem Milieu nach befürchtet werden könnte, was wohl der verdienstlichen Tätigkeit der Beratungsstationen zuzuschreiben ist. Wir finden einzelne Familien, in denen eine Reihe von Kindern gestorben ist, darunter eine mit einer luetischen Mutter. Uneheliche Kinder, die in anderen Ländern die Zahl der Gefährdeten bereichern, gibt es bei dieser Bevölkerung nicht. Die Wohnungsverhältnisse der hier in Betracht kommenden Bevölkerung sind außerordentlich armselig. In 31 Fällen bewohnt die ganze Familie nur einen Raum, der oft nicht genug Licht und Luft erhält, in einigen Fällen sind es Kellerräume. Selten hat ein Kind ein eigenes Bett, oft muß es ohne Bett schlafen. Badezimmer gibt es in diesem Teil der Stadt überhaupt nicht, Küchen nur recht primitive. Um die Reinlichkeit ist es zumeist sehr schlecht bestellt. Nicht selten berichtet die Sozialschwester, daß die Räume eher mit Ställen zu vergleichen seien. Die Kinder laufen oft abgerissen und halbnackt herum. Es ist jedoch anzuerkennen, daß es sogar in diesem traurigen Milieu eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Familien gibt, die sich sauber halten. Krankheiten in der Familie können das schon oft genügend traurige Bild noch verdüstern: wir finden Lues bei einem Ehepaar, dessen 13jährige Tochter sich mit Männern herumtreibt, ferner noch bei einer Mutter, Alkoholismus bei fünf Vätern, Geisteskrankheit bei einem Vater und einmal in der Familie, Psychopathie bei einem Vater, ferner zweimal Blindheit, Rheuma, einmal Knochen- und einmal Lungen-, tuberkulöse, einmal Augen-, einmal Herzkrankheit. Nicht weniger bedeutsam als der Gesundheitszustand der Familie ist für das heranwachsende Kind das Äquivalent auf der psychischen Seite, nämlich der Friede in der Familie. Leider wird nicht weniger als zwölfmal von schwerem Unfrieden in der Familie berichtet: der Vater ist grausam oder es sind Prügeleien undliäßliche Szenen an der Tagesordnung, oder es besteht Haß gegen ein Kind, z. B. ein Stiefkind. Es ist verständlich, wenn ein seelisch unzufriedenes Kind aus gesundem Instinkt dem unerfreulichen Milieu dadurch entflieht, daß es sich auf der Straße aufhält, daß es aber dort, wenn schon einmal sein seelisches Gleichgewicht erschüttert ist, leichter als andere Kinder Gefahren ausgesetzt ist. Von ausgesprochen kriminellen Akten auf Seite der Eltern erfahren wir nichts. Ein schwerer Verstoß ist es, wenn ein Vater, der als Musikant bettelnd herumzieht, sein halbwüchsiges Mädchen in zweifelhafte Lokale mitnimmt. Von schlechtem Vorbild älterer Geschwister hören wir eigentlich selten. Wenn wir uns nun nach Besprechung des Milieus wieder näher den Kindern selbst zuwenden, so finden wir, daß 25 (50%) schon vor dem Delikt eine ungünstige Anamnese haben, während nur bei 10 (20%) ein gutes Verhalten bis zum Delikt ausdrücklich hervorgehoben wird. Der hohe Prozentsatz mit ungünstiger Anamnese weist deutlich auf die der Kriminalität vorangehende Verwahrlosung hin. Die Entwicklung in ungünstigem Sinne beginnt meist damit, daß die Kinder die Schule vernachlässigen, zunächst in kleinen Dingen lügnerisch und diebisch sind, sich viel auf der Straße herumtreiben und sich an Schlägereien beteiligen. Sie verlieren die Zucht, fügen sich nicht den Anweisungen der Eltern, werden widerspenstig und oft genug wird das Übel noch dadurch vermehrt, daß Eltern solche Kinder aus dem Hause weisen. Eine große Anzahl unserer Kinder kam in früher Jugend mit den Eltern ins Land, mußten sich hier in neue Verhältnisse eingewöhnen und oft genug den harten Kampf der Eltern um die Existenz am eigenen Leibe spüren. Auch in der heutigen Generation gibt es noch eine Anzahl von Kindern, die keine richtige oder vollständige Schulbildung genossen haben. Die meisten besuchen zuerst die »Religionsschule« (Cheder, Talmud Thora), einige treten dann sofort ins praktische Leben, viele hingegen besuchen noch einige Klassen der gewöhnlichen Schule, aber selten mehr als drei bis vier Klassen. Bei einem 13jähri-