Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 19 (1936)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1936)
- Article
- Die Kinder der Altstadt von Jerusalem
- Date
- 1936-12-01
- Page
- Seite 609 (sequence 3)
- Language
- German
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dafür sind, daß Mädchen überhaupt weniger aktiv sind als Knaben, auch durch Mitarbeit in der Wirtschaft mehr ans Haus gebunden sind, und in dieser Bevölkerungsschicht ziemlich früh heiraten. Die Altersstufe des ersten Auftretens von Verwahrlosung oder Kriminalität liegt zwischen dem 8. und 18. Lebensjahr. Ein erster kleiner Gipfel der Häufigkeit liegt im IL, der Hauptgipfel im 13. bis 14. Lebensjahr, auch das 15. und 16. Lebensjahr sind besonders stark vertreten. Wir ersehen daraus, daß Vorpubertät und Pubertät bei dieser Verteilung eine Rolle spielen. Der erste Gipfel kennzeichnet die sogenannte »negative Phase«, welche die Vorpubertät einleitet, eine Phase, in der Trotzeinstellung, Auflehnung und Entgleisung an der Tagesordnung sind, aber noch viel mehr ist dies in der in jeder Beziehung labilen Phase der Pubertät der Fall. In ausländischen Untersuchungen hat man die beiden Gipfel im 12. und 15. Lebensjahr festgestellt, bei uns sind sie infolge der früheren Reife mindestens um ein Jahr nach vorne gerückt. Die Mädchen fand man in anderen Ländern hauptsächlich zwischen dem 15. und 17. Lebensjahr gefährdet, und zwar ist die Hauptgefahr bei Mädchen die sxuelle Verwahrlosung; hier spielt dieser Faktor infolge des gebundenen Lebens der Mädchen und der Frühheirat eine sehr geringe Rolle. Jedoch ist zu befürchten, daß mit der fortschreitenden »Modernisierung« unserer Jugend, das Bild in den nächsten Jahren ein ganz anderes sein wird. Ihrer Herkunft nach stammen außer drei aschkenasischen Fällen und zwei eingesessenen Sephardim alle übrigen Fälle aus den Gemeinschaften der orientalischen Juden (aus Irak, Iran, Kurdistan, Yemen und Marokko). Einen auffällig großen Anteil haben die Marokkaner mit 22 Fällen 44%, was auf ein niedriges Niveau hinweist. 27 von den 50 Kindern sind im Lande geboren, die anderen schon in früher Kindheit mit den Eltern eingewandert, wobei sie sich oft lange auf der Wanderschaft befanden. Unter den Berufen der Väter sind alle Arten des Handwerks vertreten, alle sind gelernte oder ungelernte Arbeiter, bis auf einen Lehrer in einer Talmud Thora-Schule. Außer Wasser- und Lastträgern kommen auch Bettler, Hausierer, hausierende Musikanten vor, auch unter den Goldschmieden und Klempnern sind einige, die ihren Beruf vagierend ausüben. Der Verdienst, mit dem die meist kinderreichen Familien auskommen müssen, ist zumeist sehr niedrig, übersteigt nur selten 5 £ im Monat, in zahlreichen Fällen ist er weit niedriger, und wir finden einen. Fall, wo eine achtköpfige Familie mit 30 Piastern in der Woche das Leben fristet. Ein großer Teil der Mütter ist auch außer Haus beschäftigt, um durch Waschen, Nähen, Bedienen, zum Verdienst beizutragen. Dies ist besonders dann schwerwiegend und wirkt sich als Erziehungsmangel aus, wenn kein Vater im Hause ist. Acht Kinder haben keinen Vater mehr und nur zwei einen Stiefvater, drei haben die Mutter verloren und zwei haben eine Stiefmutter. Die Mutter, respektive Hausfrau ist ja im allgemeinen leichter ersetzbar und wir finden sogar einen Fall, in dem ein Mann (Sepharde), dessen Frau geisteskrank ist, aber im Hause lebt, eine zweite, jüngere Frau heiratet. Ein Kind, das beide Eltern verloren hat, lebt bei Verwandten in Pflege. Die Mütter haben zum großen Teile, wie dieses in den orientalischen Gemeinschaften üblich war, sehr früh geheiratet (die meisten vor 18 Jahren, neun sogar mit 15 und darunter, man findet sogar ein Heiratsalter von elf und zwölf Jahren). Ein großer Teil dieser Mütter hat niemals die Schule besucht (bei zwei Fällen ist dies ausdrücklich angegeben). Frühheirat und fehlende Schulbildung wirken sich natürlich ungünstig auf die Erziehungsfähigkeit aus. Übrigens hat auch ein Teil der Väter keine Schulbildung oder oft nur eine, die sich auf eine Talmud Thora-Schule beschränkt. Einige der Eltern beherrschen die hebräische Sprache nicht, obwohl sie schon lange im Land oder sogar hier geboren sind, ein Zeichen von Indolenz. Die Kinderzahl pflegt in diesen Familien eine hohe zu sein, selten unter vier, mitunter aber, auch sogar über zehn, die meisten haben