Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 19 (1936)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1936)
- Article
- Die Kinder der Altstadt von Jerusalem
- Date
- 1936-12-01
- Page
- Seite 608 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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lange dauern wird, bis dieses eigenartige Bild verschwunden sein wird. Trotz der ewigen Werte, die auf diesem Boden, dem Boden der Altstadt von Jerusalem, für uns Juden gelegen sind, müssen wir uns doch eingestehen, daß dieses Wohnviertel ein sozialhygienisch äußert ungünstiges Terrain ist und daß aus ahm manche unerfreuliche und traurige Erscheinungen emporwachsen. Man muß einmal mit den Augen des Arztes dieses Gewirr von Gäßchen, Treppen und Höfen mit den engen, dunklen und zumeist unsauberen Wohnungen gesehen haben, um die Gefahren zu ermessen, die hier den heranwachsenden Kindern drohen. Dazu wohnt hier eine Bevölkerung, die unglaublich arm und in ihrem Bildungsniveau sehr niedrig ist. Was auch von den nationalen und sozialen Institutionen zur Verbesserung dieser Lage geleistet wird — und es wird viel geleistet — so reicht es trotzdem nicht aus. Von Anfang 1933 bis Anfang 1936, in dem der Beginn einer organisierten Jugendfürsorge in Jerusalem liegt, stellte die Altstadt, die wohl nur 5% der jüdischen Bevölkerung Jerusalems beherbergt, _ 15% der (jüdischen) Jugendkriminalität. Verwahrlosung und Kriminalität im Jugendalter sind in den letzten Jahrzehnten in verschiedenen Ländern gründlich erforscht worden. Die grundlegenden Untersuchungen, die wir hierüber besitzen (vgl. die Schriften von Gruhle1 und Gregor-Voigtländer2 haben zunächst ergeben, daß im Ursachenkomplex zwei Hauptgruppen zu unterscheiden sind: Anlage und Milieu, Zu den Anlagefaktoren gehören angeborener Schwachsinn, Psychopathie und vererbbare psychische Abnormalitäten in der Familie; zu den Milieufaktoren Fehler eines Elternteiles, Pflegeeltern, Krankheiten in der Familie, Zahl der Geschwister, Arbeitsverhältnisse (Arbeitslosigkeit, Einkommen), Wohnungsverhältnisse, Lebensführung (beständig oder unbeständig, redlich oder unredlich) und die psychische Struktur der Eltern (Bildung, Eintracht zwischen ihnen). Es gibt weniger reine Fälle, in denen entweder Anlage oder Milieu für sich allein ausschlaggebend sind, als gemischte, in denen beide Faktoren beteiligt sind. Jedenfalls sind die Ursachen so komplex und untereinander verknüpft, daß es uns nicht wundernimmt, wenn gerade Psychiater die Pionierarbeit auf diesem Gebiete geleistet haben. Sind sie es doch, die von jeher Sozialpsychologie und Sozialhygiene in besonderem Maße in ihre Betrachtung einbezogen und die Wirkung von Anlage und Milieu auf den menschlichen Lebenslauf am besten beurteilen können. Unter Verwahrlosung verstehen wir, nach Gruhle, einen Zustand von Aufsichtslosigkeit und Erziehungsbedürftigkeit, der dadurch bedingt ist, daß das Kind nicht das Mindestmaß an Erziehung erhält, das seiner Veranlagung entspricht. Infolgedessen erreicht das Kind nicht die sittliche Reife des Durchschnitts und gerät früher oder später mit der Rechts- und Gesellschaftsordnung in Konflikt. Es gefährdet dadurch sich selbst, andere Kinder und die Allgemeinheit. Es hat sich gezeigt, daß Verwahrlosung der Wegbereiter zur Kriminalität ist. Die ersten Zeichen des sozialen Verfalls: Herumtreiben, Schulschwänzen, nächtliches Fortbleiben führen hinüber zu den ersten Vorfällen krimineller Natur, die immer Diebstähle oder Roheitsakte sind. Wir berichten in dieser Untersuchung über 50 Fälle von Verwahrlosung und Kriminalität unter der Jugend der Altstadt in Jerusalem. Das sind fast alle, die im Zeitraum von Mitte 1933 bis Anfang 1936 dort Anlaß zu polizeilichen Maßnahmen gegeben haben. Die Anzahl der in leichtem Grade verwahrlosten Kinder ist sicher eine viel größere. Unter diesen 50 Fällen befinden sich nur fünf Mädchen. Die Gründe 1 H. Gruhle, Die Ursachen der jugendlichen Verwahrlosung und Kriminalität. Berlin 1912. 2 Gregor und Voigtländer, Die Verwahrlosung, ihre klinisch-psychologische Bewertung und ihre Bekämpfung. Berlin 1918.