Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 19 (1936)
- Issue
- Heft 11 (November 1936)
- Article
- Politik.
- Date
- 1936-11-01
- Page
- Seite 565 (sequence 2)
- Language
- German
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ein Memento für England. Die sogenannte »indische« Schule der großbritannischen Politik hatte sich immer gegen die Selbständigkeitserklärung, ja sogar seinerzeit gegen den Mandatsstatus des Irak ausgesprochen gehabt und dieses Land nicht als reif für eine Selbstverwaltung erklärt. Solange König Feisal lebte, dessen persönliches Ansehen und staatsmännische Klugheit die Schwierigkeiten des Regierens im Irak überwand und der mit Hilfe Englands alle Aufstände niederschlug, konnte man an eine Fortdauer der Stabilität glauben. Sein junger Nachfolger, König Ghazi, kann Feisal nicht ersetzen. Die Revolte gegen seine Regierung, die aus Freunden Englands bestand, hat einige sehr charakteristische Züge. Zunächst ist sie durch die irakische Luftflotte entschieden worden. In den arabischen Staaten mit ihrer großen Ausdehnung, ihren endlosen Wüstengebieten, ihrer dünnen Bevölkerung usw. ist die Luftflotte das wesentlichste Instrument der Beherrschung. Englands Stärke im Irak ist seine Panzerluftflotte. In den letzten Jahren wurden einheimische Aspiranten aus dem Irak und aus Saudia Arabien in England zu Piloten ausgebildet (dasselbe tat Italien mit Flugschülern aus dem Jemen). Damit hat es sich selbst einen gefährlichen Feind geschaffen, gefährlich, weil die antienglische Stimmung im Irak seit jeher eine sehr starke ist. Auch die neue Revolte, die angeblich von englandfeindlichen Mächten unterstützt wurde, hat antibritischen Charakter, wenn dies auch noch zu verschleiern versucht wird. Schon 1920 wurde mit großer Mühe ein antienglischer Aufstand im Irak bewältigt und seither folgten immer wieder neue Revolten. Der anglo-irakische Vertrag, der England nur sehr wenige Rechte gibt, konnte erst nach jahrelangen Kämpfen 1924 von Dschafar Pascha im Parlament formal zur Annahme gebracht werden, wobei von 100 gewählten bloß 37 Abgeordnete zustimmten. Die erste Tat der neuen Machthaber war es, Dschafar Pascha, den Freund Englands, zu beseitigen. Die Revolte ist ferner eine rein militärische. An Stelle der Zivilregierung setzte sich eine Militärdiktatur und damit ist wohl, trotz aller gegenteiligen Versicherungen, das Verfassungsleben im Irak zugunsten einer faschistischen Herrschaft erledigt. Wie es zu deuten ist, daß die Revolte kurz nach der (durch die Verhandlungen Nuri Paschas und der Proklamation des Königs) erfolgten Intervention Iraks in Palästina ausbrach, ist noch zweifelhaft. Jedenfalls wird diese Intervention als eine proenglische empfunden worden sein. Von besonderer Pikanterie ist es, daß die Führer der neuen Regierung, Ministerpräsident Hikmath Suleiman und General Bekr Sidky, Kurden sind. Damit erhebt sich eine sehr heikle Frage: ob das ungelöste Kurdenproblem nicht eine sehr peinliche Wiederauferstehung feiern wird? Die Kurden sind im Irak eine Minorität, zirka eine halbe Million Seelen von 3 Millionen Einwohnern, und bisher als solche sehr schlecht behandelt worden. Sie wohnen in der Hauptmasse im Bezirk Mossul, und jenseits der türkischen und persischen Grenzen lebt ungefähr eine weitere halbe Million Kurden. Wie in Europa, so haben auch in Asien die neuen Grenzziehungen wichtige Völkerfragen ungelöst gelassen. Die Kurden, eine Million an Zahl, ein kriegerisches und wohlgebildetes Volk (die Araber haben es nicht gerne, wenn daran erinnert wird, daß der große Kalif Saladin ein Kurde gewesen ist), hatten gehofft, daß ihnen die Friedenskonferenz die Unabhängigkeit geben würde. Diese Möglichkeit ist noch in Artikel 64 des Vertrages von Sevres offen gelassen worden. Ferner ging der Streit um Mossul (1922/23) nicht bloß um Ölquellen, sondern war auch ein Kampf um die Zugehörigkeit von Hunderttausenden von Kurden zur Türkei. Diese wollte nicht, daß jenseits ihrer Grenze eine kurdische Irredenta entstehe1 und schließlich hatte die 1 Der türkische Premier Rauf Pascha gab 1924 Prof. Arnold Toynbee gegenüber zu, daß die Türkei hauptsächlich der Kurden wegen auf Mossul nicht verzichten wollte.