Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 19 (1936)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1936)
- Article
- Die Frage der Lebenshaltung als Problem der Konsumentenerziehung
- Date
- 1936-10-01
- Page
- Seite 496 (sequence 6)
- Language
- German
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schaft, und ebenso lange hat man den Luxuskonsum auch zu verteidigen gesucht. Für ihn werden drei Argumente ins Treffen geführt. Man sagt L, daß auch in den Luxusgüter produzierenden Gewerben Arbeiter in Brot gesetzt würden; 2. daß der Verbrauch an lebensnotwendigen Gütern ziemlich unelastisch sei, weshalb eine Ausweitung des Sozialprodukts nur in der Luxussphäre möglich erscheine; und 3. daß es überhaupt nicht darauf ankomme, wofür die Geldeinkommen ausgegeben würden, ob für Luxus oder für notwendigen Bedarf; wenn das Geld nur überhaupt umliefe. Auch Verkäufer und Produzenten von Luxusgütern gäben ihre Einnahmen an die Sphäre der Produzenten der lebensnotwendigen Güter weiter. — Der erste Einwand geht an dem Kern des Problems vorbei, ob nicht in der Sphäre der lebensnotwendigen Produktion mehr Arbeiter Beschäftigung bekommen, als in der Sphäre der Luxusproduktion, die sonstigen Umstände gleichgesetzt. Der zweite Einwand ist irrig: eine Vergrößerung des Sozialprodukts außerhalb der Produktion der Verbrauchsgüter —* sowohl des Luxuskonsums wie des lebensnotwendigen Konsums — ist nicht nur möglich, sondern sogar üblich und erwünscht, nämlich in den Bereichen der Erzeugung von Produktionsmitteln. Die Höhe der Lebenshaltung in Europa im 20. Jahrhundert ist nur dadurch erzielt worden, daß das 19. Jahrhundert bescheiden lebte, auch als es besser hätte leben können, und dafür seine Produktionsstätten ständig erweiterte und verbesserte. Schwieriger zu widerlegen ist der dritte Einwand, weil dazu eine längere geldtheoretische Erörterung notwendig wäre. Wir begnügen uns mit einigen Andeutungen. Wie bei so manchen Trugschlüssen, liegt der Fehler schon im Ansatz; es geht nicht an, sich bei solchen Fragen auf die Betrachtung der Geldseite zu beschränken. Das Geld ist ja nur das Tauschmittel; das, worauf es ankommt, sind die Güter und Leistungen. Von der Güterseite aus angesehen, stellt sich unser Problem so dar: zur Erzeugung des Sozialprodukts, das heißt der jährlich für Verbrauch und Neuinvestition verfügbaren Güter und Dienste, stehen aus dem Sozialprodukt des vorangegangenen Jahres jeweils nur bestimmte Mengen an Produktionsmitteln zur Verfügung: Arbeitsstunden, Rohstoffe und Halbwaren, Leistungen von Gebäuden, Maschinen, Verkehrsanlagen usw. Diese Produktionsmittel sind auf kürzere oder längere Frist in ihrer Verwendungsfähigkeit festgelegt, »spezifisch«. Ein Barmixer kann seine Arbeitskraft, wenn überhaupt, so nur nach schwieriger Umstellung als Bergmann verwerten; vielleicht kann er überhaupt nur seinen Sohn in einen anderen Beruf bringen. Eine Maschine zur Granaten-Produktion kann man nicht zur Herstellung von Milch-Zentrifugen benutzen; wohl aber sind das Erz, die Kohle sowohl zu Schwertern, wie zu Pflugscharen zu verarbeiten. Da man also, wenn man genügend weit auf frühere Produktionsstufen zurückgeht, fast immer spezifische Produktionsmittel auf nichtspezifische reduzieren kann, so ergibt sich, daß aus der jeweils gegebenen Menge der Produktionsmittel zwar einerseits unzählige Kombinationen Von Produkten geschaffen werden können, anderseits aber die Gesamtsumme dieser Produkte begrenzt sein muß. Jedes Luxusgut kürzt daher die Produktion lebensnotwendiger Güter. — Das gleiche Problem von einer anderen Seite her betrachtet: der Luxuskonsum eines Mannes, der ein kleines Einkommen hat, geht auf Kosten der Deckung seines notwendigen Bedarfs. Beim Reichen wird wahrscheinlich nicht dieser, sondern die Sparquote betroffen, und damit das Investitionsvolumen der Volkswirtschaft, das, wie wir sahen, das Angebot an Arbeitsstellen bedeutet. Vielleicht wendet man ein, die Luxusgut-Fabrik und ihre Arbeiter seien auf den Absatz an den Reichen angewiesen, und wenn ser seinen Verbrauch an Luxusgütern einschränke und dafür seine Fabrik erweitere, so würden zwar in seiner Fabrik Arbeitsplätze geschaffen, in der Luxusfabrik aber Arbeiter auf die Straße gesetzt. (Hiemit kommen wir auf den oben kurz behandelten ersten Einwand