Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 19 (1936)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1936)
- Article
- Die Frage der Lebenshaltung als Problem der Konsumentenerziehung
- Date
- 1936-10-01
- Page
- Seite 493 (sequence 3)
- Language
- German
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er sein Geld zur Bank trägt, und diese einem Unternehmer Kredit gibt. Wir sagten »in der Regel«; denn viele Wirtschaftstheoretiker, vor allem der Engländer Keynes, sehen in der Diskrepanz zwischen Ersparnis und Investition eine Hauptursache der Konjunkturzyklen und insbesondere in dem Überwuchern der Sparhorte über die Investitionsneigung die Ursache der Weltwirtschaftskrise, die 1929 ausbrach und sich bis etwa 1933 hinzog. Neben der allgemeinen Gefahr des »Übersparens« besteht noch das besondere Risiko der Kapitalfehlleitung, der Fehlinvestition. Bei Personalunion zwischen Sparer und Investor ist Übersparen unmöglich und auch Fehlinvestition nach menschlichem Ermessen unwahrscheinlich. Denn wer sollte eine bessere Kenntnis der Aussichten für eine Produktionsaus Weitung haben, als der Fachmann, der bisher schon erfolgreich in der Branche gearbeitet hat? Problematisch wird die Sache überhaupt erst mit der Trennung der Funktionen, wenn sich zwischen Sparer und Investor das Kreditinstitut einschiebt. Aber Palästina befindet sich in dieser. Beziehung in günstiger Lage; seine Wirtschaft ist klein, die Verhältnisse daher noch nicht so verwickelt und unübersichtlich wie in alten und großen Ländern. <-* Anders sieht hier das Problem des Übersparens aus; schon größenmäßig gewinnt es überragende Bedeutung durch die gewaltige Kapitaleinfuhr der vergangenen Jahre. Diese Kapitalien sind in unserem Zusammenhang Ersparnissen gleichzuachten und müssen daher in die Betrachtung einbezogen werden, obwohl sie mit der Frage der Einkommensverwendung nichts zu tun haben. Bis Oktober 1935 hatten sich bei den Banken bekanntlich 16 Millionen Pfund kurzfristige Depositen angehäuft. Diese für palästinensische Verhältnisse gewaltige Kapitalanhäufung war solange unschädlich und sogar natürlich, als keine nennenswerte Arbeitslosigkeit herrschte. Es kam die Oktober-Krise und mit ihr spürbarer Beschäftigungsmangel und Abzüge von den Banken in Höhe mehrerer Millionen Pfund. Doch diese Abzüge dienten nicht der Investition, also der Schaffung von Arbeitsgelegenheiten, sondern es waren Angstabhebungen; die Gelder wanderten aus dem Sparstrumpf der Banken in den privaten Sparstrumpf. Da entschloß sich die Histadruth in Gemeinschaft mit der Jewish Agency und der Anglo-Palestine-Bank zu jener großzügigen Arbeitsbeschaffungs-Aktion, die bereits große Erfolge aufzuweisen hatte, als die Unruhen hereinbrachen. Diese Aktion beruht vor' allem auf einer zusätzlichen Selbstbesteuerung der organisierten Arbeiterschaft, das heißt in einer Erhöhung der Sparquote des Geldeinkommens, nur daß diese Ersparnisse der Verfügung des Einzelnen entzogen werden. Bedeutet der Fonds »Pidjon ha Avoda« eine Einengung der Nachfrage nach den Gütern, die die Arbeiter gekauft hätten, wenn sie die Abgabe nicht entrichtet hätten? Keineswegs, denn sie wandelt sich ja raschestens und fast vollständig in Löhne neu- oder wiederbeschäftigter Arbeitsloser um. — Wie verhalten sich nun die Ersparnisse der höheren Einkommen. Ein Einwanderungsland, wie Palästina, ist dadurch gekennzeichnet, daß in ihm ein dauerndes und drängendes Angebot an Arbeitskräften, das heißt eine drängende Nachfrage nach Arbeitsplätzen, herrscht, dabei dürfen wir nicht nur an die bereits im Lande befindlichen Arbeiter denken, sondern müssen die Juden, die von allen Enden der Welt einwandern möchten, mit in die Betrachtung einbeziehen. Arbeitsplätze können nur durch Investitionen geschaffen werden. Darauf, daß diese Investitionen auf die Dauer in gleichem Umfange wie bisher durch Kapitalzustrom von außen her getragen werden, kann man sich nicht verlassen, da maßgebende Faktoren hiefür außerhalb des Landes liegen. Wirtschaftslage und Devisengesetzgebung der Kapitalausfuhr-Länder. Als Quelle für Kapitalbildung bleibt neben der Kapitaleinfuhr nur das Sparen. Es kann also in Palästina gar nicht zuviel gespart werden, solange der Mangel an Arbeitsplätzen noch so groß ist, — weder von kleinen, noch von großen Einkommen.