Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 19 (1936)
- Issue
- Heft 8 (August 1936)
- Article
- Probleme der Jugendverwahrlosung in Palästina
- Date
- 1936-08-01
- Page
- Seite 403 (sequence 7)
- Language
- German
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die ganze Welt in Opposition zu sich fühlen. — Gleichviel ob sie sich mit anderen Leidensgenossen zu einer »Bande« zusammenschließen, oder ob sie nur mit einem Freund zusammen oder gar allein in den Straßen herumziehen — die Gefahren sind da, und früher oder später harrt ihrer Polizei und Gericht, wenn nicht ein Zufall «ie zeitig genug in die Hände eines Menschen führt, der sie versteht und der sie beeinflussen kann. 403 Zum Schluß sei es gestattet, noch wenigstens kurz auf einige Tatsachen hinzuweisen, die in einem folgenden Aufsatz ausführlicher behandelt werden sollen. 1. Unter den orientalischen und spaniolischen Jugendlichen kommen wesentlich mehr Delikte vor als unter den aschkenasischen. 1934 war das Verhältnis der orientalischspaniolischen zur aschkenasischen Bevölkerung (der beiden Städte Tel Aviv und Jerusalem zusammengenommen) wie 1 :2, während das Verhältnis ihrer Anteile an den Delikten genau umgekehrt (wie 2:1) war. Zum Teil mag das daran liegen, daß in aschkenasischen Familien eine größere Scheu besteht, einen Fall zur Kenntnis der Polizei kommen zu lassen, so daß manche Vorkommnisse unbekannt bleiben. Zum wesentlich größeren Teil aber müssen wir diesen Unterschied aus der wirtschaftlichen Situation sowie aus der stärkeren Temperamentsintensität der Orientalen erklären. Außerdem müssen wir in Betracht ziehen, daß viele dieser orientalischen Juden aus primitiven Kulturkreisen kommen, und daß es lange dauert, bis sie sich an die europäischen Begriffe von Gesetzlich und Ungesetzlich gewöhnt, noch länger, bis sie diese verstanden haben. In dieser Übergangszeit kommen dann allerlei Übertretungen aus Mangel an Verständnis für das Gesetz vor, besonders bei Jugendlichen. 2. Das häufigste Vergehen männlicher Jugendlicher ist Diebstahl (in Palästina ebenso wie in anderen Ländern). An zweiter Stelle folgen Gewalttätigkeiten, an dritter sexuelle Delikte. — Auch daraus geht klar hervor, wie groß die Bedeutung der wirtschaftlichen Momente für die Ätiologie der Jugenddelikte ist. Zugleich aber kann die Tatsache, daß 62% aller im Jahre 1934 bekannt gewordenen Delikte Eigentumsvergehen waren, als Beweis dafür bedeutet werden, daß Verwahrlosung und Gesetzesübertretung die Funktion einer psychischen Ersatzbefriedigung des seelisch armen jugendlichen Individuums erfüllen, besonders wenn wir in Betracht ziehen, was gestohlen wird: Dann sehen wir nämlich, daß dem materiellen Wert des Gutes eine viel geringere Bedeutung für den Jugendlichen zukommt als dem existenzielleri: Das »Haben« eines Dinges ist wichtiger als sein »kapitalistischer« Wert; denn das »Haben« eines Dinges gibt dem Jugendlichen das Gefühl des eigenen Wertes, das Bewußtsein, daß er etwas ist, ein selbständiges Wesen, Herr über etwas. 3. 60% aller aschkenasischen Fälle waren Jugendliche im Alter von 15 bis 17 Jahren, während 60% aller nicht-aschkenasischen Fälle Jugendliche im Alter von 13 bis 15 Jahren waren. Damit berühren wir das Problem der Bedeutung der Pubertät für die Verwahrlosung und Gefährdung der Jugendlichen, sowie die Frage der Verschiedenheit des Pubertätsalters bei aschkenasischen und orientalischen Juden. Über diese Frage soll ausführlicher in einem folgenden Aufsatz gesprochen werden. Welche Mittel haben wir, um der Gefahr einer Ausbreitung der Jugendverwahrlosung, die uns in Palästina droht, entgegenzutreten? Ich möchte auch hier wieder auf den bereits oben zitierten Aufsatz von Dr. Brachjahu hinweisen. Sein Programm enthält die meisten der im Folgenden vorgeschlagenen organisatorischen Maßnahmen: