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Palästina · 1936-08-01 · Heft 8 (August 1936) · p. Seite 402

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Journal
Palästina
Volume
19 (1936)
Issue
Heft 8 (August 1936)
Article
Probleme der Jugendverwahrlosung in Palästina
Date
1936-08-01
Page
Seite 402 (sequence 6)
Language
German
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c) weil sie den Gefahren ihrer durch intellektuelle Erwägungen nicht gehemmter Impulse ausgesetzt sind2, d) weil sie keine anderen Lustziele in erreichbarer Nähe vor sich sehen, als die durch ihre nach außen gerichtete Aktivität erreichbaren, e) weil sie sich meist in Opposition zu ihrer sozialen Umgebung fühlen und daher jede Gelegenheit einer Aggression wahrnehmen. Die Formen der sogenannten Erziehungsstörungen sind so zahlreich und vielfältig, daß sie im Rahmen eines allgemeinen Problemüberblicks auch nicht annähernd erschöpft werden können. Wir wollen daher hier nur noch einmal auf die Rolle der Erziehungspersonen hinweisen. Sie sprechen von »Unarten« des Kindes (Fingerlutschen, Nägelkauen, Nasenbohren usw.), sie sagen, es sei unordentlich, faul, zanksüchtig, unruhig, rachsüchtig, trotzig; sie werden aufgeregt, wenn sie entdecken, daß das Kind onaniert; sie gehen zum Arzt, wenn es stottert, einen Tic hat, oder plötzlich an nicht organisch motivierten Verdauungsstörungen leidet; sie werden ratlos, wenn es ihnen durch unüberwindliche Angstausbrüche das Leben schwer macht; und sie verzweifeln, wenn es aggressiv wird, lügt oder gar stiehlt. Aber sie verstehen nicht (ohne nur in den aller seltensten Fällen), daß sie die Schuld an dem Verhalten ihrer Kinder haben. Nicht deshalb, weil sie zu wenig erzogen haben, sondern deshalb, weil sie nicht wissen, wie sie erziehen sollen. Weil sie nicht die Erfordernisse und Entwicklungsgesetze des Kindes berücksichtigen, sondern sich nur durch ihre eigenen Wünsche, vorgefaßten Meinungen und Affekte leiten lassen. Und wenn wir die Unüberlegtheit so vieler Erziehungspersonen in Haus und Schule, ihre Unfähigkeit, die Entwicklung des Kindes zu verstehen und zu leiten, in Betracht ziehen, dann können wir uns nur wundern, daß ein relativ hoher Prozentsatz aller Kinder eine annähernd normale Einordnung in das Leben vollzieht. (Prüfen wir freilich das soziale Verhalten der Erwachsenen, ihre Stellung zur Umwelt, zur Gemeinschaft, zur Arbeit, ihre pädagogische Unfähigkeit, ihren sogenannten Charakter etwas genauer, so finden wir die negativen Nachwirkungen ihrer Jugend in verhängnisvoller Kraft.) Diejenigen aber, denen die Einordnung, schon soweit sie im jugendlichen Alter gefordert wird, nicht gelingt, stellen zusammen mit den Debilen und den sozial Verwahrlosten das Kontingent der gefährdeten Jugend. Gefährdet vor allem, weil sie nicht nur materiell, sondern vor allem psychisch arm sind und daher in Abenteuern, Streichen, Delikten, für die ihnen fehlenden psychischen Bindungen Ersatz suchen, weil sie Reizen und Verführungen aller Art ausgesetzt sind, weil sie niemanden haben, der ihnen die unverständlichen Erscheinungen der sie umgebenden und auf sie einstürmenden Welt erklären könnten, weil sie sich in Opposition zur ganzen Welt und 2 Daraus erklärt sich der relativ hohe Prozentsatz der Debilen unter den jugendlichen Gesetzesübertretern in Palästina, die von der Polizei aufgegriffen werden. Aber mit Recht weist Dr. Brachjahu, durch dessen Hände nicht nur die von Schulen und Eltern in die Beratungsstellen des Beth-Habriuth in Tel Aviv und in Jerusalem wegen irgendwelcher Erziehungsschwierigkeiten geschickten Kinder gehen, sondern der auch einen großen Teil der von der Polizei gefaßten jugendlichen Gesetzesübertreter untersucht, in seinem instruktiven Aufsatz: »Zur Frage der Jugenddelikte in Palästina« (»Hatekufah«, 28, 1935) darauf hin, daß in Palästina nur deshalb verhältnismäßig mehr Debile unter den jugendlichen Gesetzesübertretern zu finden sind, als in anderen Ländern, weil für sie fast keine Schulen und Unterbringungsmöglichkeiten bestehen, weil sie also anders als in anderen Ländern gezwungen sind, sich auf der Straße herumzutreiben. Und daß sie leichter als geistig normale Kinder gefaßt werden, ist ebenfalls nicht verwunderlich, da sie ja nicht die Möglichkeit haben, ihre Tat bis in alle Einzelheiten durchzudenken und entsprechend ihren Überlegungen zu handeln.

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