Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 19 (1936)
- Issue
- Heft 8 (August 1936)
- Article
- Probleme der Jugendverwahrlosung in Palästina
- Date
- 1936-08-01
- Page
- Seite 401 (sequence 5)
- Language
- German
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daß jede Störung der psychisch-sozialen Entwicklung auf einen geistigen Defekt zurückzuführen ist. Es ist daher nötig, immer wieder darauf hinzuweisen: 1. Daß die geistige Entwicklung eines Kindes sogar übernormal sein kann, jedenfalls meist normal ist, während in seiner psychischen Entwicklung Hemmungen und Störungen auftreten; 2. daß die psychischen Hemmungen und Störungen allerdings sekundär auf das geistige Leistungsvermögen negativ einwirken können (durch seelische Konflikte wird zuviel Energie absorbiert, als daß das Kind zu einer ungehemmten Entfaltung seiner geistigen Anlagen und Fähigkeiten kommen könnte; mitunter besteht ein Zusammenhang zwischen einem unbewußten seelischen Konflikt und einem bestimmten Lernstoff; und oft gehört es zu dem Sinn der psychischen Störung, hemmend auf die allgemeine geistige Entwicklung zu wirken); 3. daß von diesen Fällen sogenannter psychischer Intelligenzhemmung die Fälle wirklicher geistiger Defekte (Debilität, Imbezilität und Idiotie) streng zu trennen sind, die jedoch weit seltener vorkommen, als man anzunehmen geneigt ist. Diese Tatsachen sind für das Problem der Verwahrlosung und Gefährdung der Jugend in mehrfacher Hinsicht bedeutungsvoll: 1. Kinder mit normaler oder gar übernormaler Intelligenz, die durch die wirtschaftlichen oder psychischen Bedingungen des Elternhauses oder durch andere innere Ursachen »schwierig« geworden sind, sei es, daß sich ihre Schwierigkeit in Trotz, Aggressivität oder Apathie, sei es, daß sie sich in neurotischen Symptomhandlungen äußert, und die sich von der Familie auf die Straße »zurückziehen«, bringen alle Qualitäten mit, um innerhalb ihrer neuen Kameradschaft eine Rolle zu spielen. 2. Auch wenn sie keine hervorragende Rolle spielen, finden sie innerhalb der Straßengruppe (die keineswegs identisch ist mit ihrer äußersten Form, der organisierten Bande!) das, was sie brauchen, und was ihnen die Familie nicht zu geben vermochte: Gefühl der Zugehörigkeit, Sinn und Funktion ihrer Existenz, Lebendigkeit. 3. Psychologisch läßt sich das seltsame Phänomen der engen Beziehung von Delinquenz und Debilität bei Jugendlichen folgendermaßen erklären: Debile Kinder suchen eine Ersatzbefriedigung für die Energien, die bei geistig normalen Kindern durch die intellektuelle Befriedigung, die das Lernen, die Lösung intellektueller Aufgaben bietet, »gebunden« werden. (Dieser Bindungsprozeß spielt sich im jugendlichen Alter mehr oder weniger unbewußt ab, ist aber deshalb strukturell nicht weniger wirksam.) Die Debilen finden die Ersatzbefriedigung in Aktivitäten verschiedenster Art. Wo sie keine Aufsicht und Anleitung haben, neigen sie zu Aktivitäten mit negativem Vorzeichen, a) weil ihnen Einsichts- und Abstraktionsfähigkeit mangelt und sie daher leicht verführbar und als Werkzeug zu benützen sind, b) weil sie meinen, sich durch Erledigung ihnen übertragener, leicht erfüllbarer »Aufgaben«, die ihnen fehlende Sympathie und Anerkennung anderer Menschen erwerben zu können, mögen diese anderen auch »nur« Führer einer Kinderbande oder jugendliche Delinquenten mit stärkerem Willen sein (das »nur« ist — das dürfen wir nicht vergessen — eine Wertung, die für die Debilen keine Gültigkeit hat; im Gegenteil: für sie sind die »Bandenführer« viel höherstehende Individuen als sozial richtig eingeordnete Menschen, denen sie nichts bieten können),