Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 19 (1936)
- Issue
- Heft 8 (August 1936)
- Article
- Probleme der Jugendverwahrlosung in Palästina
- Date
- 1936-08-01
- Page
- Seite 400 (sequence 4)
- Language
- German
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ist auch seine Entwicklung gesichert, mögen die äußeren Umstände des Lebens noch so kompliziert und widrig sein K Was erfolgt, wenn das Kind das Erlebnis der Liebe nicht kennt? Überall, wo wir Gelegenheit haben, in Erziehungsberatungsstellen, heilpädagogischen Heimen und Polikliniken, Beobachtungsstationen, psychotherapeutischer Einzelarbeit und fürsorgerischer Betreuung das Schicksal der gefährdeten oder verwahrlosten Kinder und Jugendlichen zu verfolgen, finden wir, daß die meisten Erziehungsstörungen im Haus oder in der Schule, Lernschwierigkeiten, sogenannte Unarten, neurotische Tics, Ängste und Trotzhandlungen ihren psychischen Ursprung haben in der pädagogischen Unfähigkeit der Eltern und vor allem in ihrer Unfähigkeit, dem Kind das Gefühl der Geborgenheit zu geben. In diesen Fällen produzieren Kinder entweder Symptome, durch die sie ihre Eltern direkt oder indirekt zwingen, sich um sie zu kümmern und zu sorgen, sie zu pflegen und zu beobachten (und das ist ihnen dann Beweis für das Vorhandensein der ihnen lebensnotwendigen Liebe), oder aber sie ziehen sich in sich selbst zurück, isolieren sich von der Familie und suchen Ersatz für die ihnen entzogene Liebe in anderen Bindungen und Verbindungen, vor allem auf der Straße. * * * ★ * Auf der Straße finden sie die Gesellschaft von Kindern, die niemals eine Schule besucht oder diese frühzeitig verlassen haben, sei es weil sie von den Eltern nicht angehalten wurden, die Schule zu besuchen, sei es weil sie gezwungen waren, Geld zu verdienen, sei es weil sich überhaupt niemand um sie kümmert. Auf der Straße treffen Kinder aller Stufen der Verwahrlosung zusammen, angefangen vom vernachlässigten, wenig beaufsichtigten Kind bis zu der vollendeten Form der Verwahrlosung des heimatlosen Vagabunden. Auf der Straße befinden sich auch die Kinder und Jugendlichen, die in ihrer geistigen Entwicklung zurückgeblieben sind und daher aus den normalen Schulen entfernt werden, ohne aber in spezielle Hilfsschulen oder Heime eingeordnet werden zu können (denn solche spezielle Schulen und Heime gibt es bisher in Palästina erst in ganz bescheidenen Anfängen). Damit berühren wir die Frage, inwieweit die geistige Entwicklung des Kindes sein psychisch-soziales Verhalten beeinflußt. Noch immer ist die Meinung weit verbreitet, 1 Es mag scheinen, als ob unsere Ausgangsthese, Verwahrlosung sei als eine soziale Krankheit zu betrachten, in Widerspruch stehe zu der jetzigen Feststellung, dem psychischen Faktor (der Beziehung der Eltern zu ihren Kindern) komme ausschlaggebende Bedeutung für die normale oder die Fehlentwicklung des Kindes zu. Aber der Widerspruch ist nur scheinbar. Denn nehmen wir selbst an, daß es möglich ist, durch langwierige und immer wiederholte Aufklärungsarbeit unter den Eltern und Erziehungspersonen bestimmte pädagogische Fehlhaltungen und -handlungen zu korrigieren, das heißt die Erzieher zu erziehen, so wird doch notwendigerweise durch ein Übermaß negativer wirtschaftlicher Bedingungen im Erziehungsmilieu und durch das ebenfalls wirtschaftlich bedingte Fehlen ausreichender Institutionen und Abhilfmöglichkeiten der positive Effekt pädagogischer Aufklärungsarbeit immer wieder in Frage gestellt, wenn nicht sogar aufgehoben. Es ist unmöglich, die Tatsachen der psychischen Entwicklung und Struktur lediglich als solche verstehen zu wollen, sie sind mit den Tatsachen des wirtschaftlichen Lebens, den »äußeren Bedingungen«, verknüpft und verwoben zu einer unlösbaren Einheit. (Woraus freilich auch folgt, daß es ein schwerer Fehler ist, die soziale Situation ändern zu wollen, ohne zugleich die psychischen Bedingungen des Einzelindividuums mit in Betracht zu ziehen und zu beeinflussen.)