Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 19 (1936)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1936)
- Article
- Zur Entwicklung der palästinensisch-syrischen Handelsbeziehungen
- Date
- 1936-07-01
- Page
- Seite 343 (sequence 4)
- Language
- German
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Es handelt sich hier um eine sehr wichtige psychologische Tiatsache. Die Franzosen sind alte Protektionisten. Die Engländer waren bis 1931 durch viele Generationen hindurch ausgesprochene Freihändler. Die Franzosen haben daher in Syrien von vornherein großes Verständnis für die Schutzforderungen der syrischen Industrie gehabt. Syrien war ja immer das einzige industrielle Zentrum des türkischen Reiches gewesen, und die dortigen Industriellen wußten worauf es ankam. In Palästina dagegen lagen die Dinge ganz anders. Die an englischer Freihandelspolitik geschulten Beamten kennen aus praktischer Erfahrung die Wirkung eines tatkräftigen Protektionismus überhaupt nicht. Theoretisch kennen sie diese nur aus einer ausgesprochen freihändlerischen, antiprotektionistischen Lehre. Anderseits waren die meisten palästinensischen Industriellen früher Händler, also »Freihändler«, denn der Händler ist eben grundsätzlicher Anti-Protektionist. Werden sie zu Produzenten, so begreifen sie zwar sehr schnell die Notwendigkeit eines »erzieherischen Protektionismus« in einem Aufbauland wie Palästina, aber verstehen es in den meisten Fällen nicht, diese Notwendigkeit auch zu begründen — die als Freihändler erzogenen zuständigen Beamten gewähren ohne sehr zwingende Begründung keine höheren Zölle. Das protektionistische Syrien, das von vornherein auf Export mit Hilfe sozialen Dumpings eingestellt /-ist, kann daher auf den wachsenden palästinensischen Absatzmarkt mehr und mehr vordringen; das nur sehr zögernd zu einer, seiner Lage entsprechenden Zollpolitik übergehende Palästina mit seinem wachsenden Inlandsbedarf kann, wie oben dargelegt, auf dem syrischen Markt nicht konkurrieren. Wir stehen hier also vor einer prinzipiell wichtigen Entscheidung: Einerseits Verzicht auf die theoretische Möglichkeit einer Ausweitung unseres industriellen Absatzmarktes nach Norden — das war ja für uns der Sinn des Abkommens von 1929 —- auf der anderen Seite Kampf gegen die Einengung unseres heimischen Absatzmarktes durch die syrische Konkurrenz. Für den Kenner der Verhältnisse kann die Entscheidung nicht schwer fallen. Sie liegt auf der Linie einer zum mindesten provisorischen Revision der allgemein verbreiteten Anschauungen über die Rolle der palästinensischen Industrie auf den Märkten des Vorderen Orients. In jener »heroischen« Zeit, als »Industrie in Palästina« nicht viel mehr war als ein Schlagwort, konnte man sich auch den Luxus erlauben, Märkte zu »erobern« — in Diskussionen oder Zeitungsartikeln. Heute sind wir glücklicherweise so weit, daß in Palästina eine Industrie d a ist, die sich mit der Wirklichkeit auseinandersetzen kann und muß. Die auch genug leistet, um, ohne ihrem Prestige zu schaden, einen Irrtum einzugestehen, und daher zugeben kann: wir sind in Syrien nicht konkurrenzfähig. Gewiß, gemessen an unserem Gesamtimport an industriellen Fertigwaren ist unsere Einfuhr an solchen Waren aus Syrien noch nicht groß. Aber man vergesse nicht, daß die syrischen Löhne außerordentlich niedrig liegen, daß syrische Produkte, bis sie auf den palästinensischen Markt gelangen, nur geringe Frachten und keine Zölle zu zahlen haben, die japanischen dagegen einen langen Frachtweg zurücklegen und wenigstens die — wenn auch unzureichenden — palästinensischen Einfuhrzölle tragen müssen. Da auf der anderen Seite die Produktionskapazität der syrischen Industrie rapid wächst — zum guten Teil gerade auf Grund der Absatzchancen, die ihr das Abkommen von 1929 bietet wird es hohe Zeit, eine Revision dieses Abkommens durchzusetzen. Man braucht deshalb nicht das ganze Abkommen zu annullieren. Artikel 2 desselben gibt ohne weiteres die Möglichkeit bereits bestehender Ausnahmen von der gegenseitigen Zollbefreiung — Tabak, Alkohol, Salz, Streichhölzer — auf andere Waren auszudehnen, allerdings im beiderseitigen Einverständnis. Es ist anzunehmen, daß