Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 19 (1936)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1936)
- Article
- Zum Ärzteproblem in Palästina
- Date
- 1936-06-01
- Page
- Seite 283 (sequence 5)
- Language
- German
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was von wirklichem Belang ist. Sie werden sich immer nach den nichtjüdischen Ärzten richten müssen» so klein deren Zahl auch sein möge. Das bisher gewohnte Schicksal des jüdischen Arztes macht es verständlich, wenn er nicht erkennt, daß in Palästina seine Lage eine grundsätzlich andere ist, das heißt daß hier von ihm Entscheidungen und Formungen erwartet werden, für die sein Blick bisher nicht geschärft war. Aufgaben, Arbeit und soziale Stellung des Arztes sind veränderlich. Sie waren gestern andere als heute und werden morgen wieder andere sein. In jedem Volke haben sich die Ärzte Gremien geschaffen, deren Aufgabe es ist, die Entwicklungstendenzen zu verfolgen und den Typus des Arztes der jeweiligen Gesamtentwicklung des Volkes anzupassen. Wir wissen, daß gerade der gegenwärtige Typus sehr problematisch geworden ist und die Führer der Ärzte besonders im deutschen Sprachgebiet seit Jahren immer eindringlicher vor einer kritiklosen Fortsetzung des Bisherigen warnen. Die ärztliche Literatur und die ärztlichen Versammlungen sind voll davon. Trotz der nie erlebten ärztlichen Spitzenleistungen der letzten 30 Jahre ist die Fragwürdigkeit der gegenwärtigen Ärztetypen besonders auffallend. Vielleicht sind gerade die ungewöhnlich großen Ergebnisse ärztlicher Arbeit daran Schuld, daß ihre Urheber in ihrer Mitte überlebt erscheinen und neuartige Aufgaben neuartige Sachwalter verlangen. Die Ärzteschaft der Welt bemüht sich bisher vergeblich um die Lösung dieses Rätsels. Wir dagegen in Palästina begnügen uns, den alten Typus des Arztes unverändert hier einzuführen, als wenn er die neueste Schöpfung des Jahrhunderts wäre. In keiner Hinsicht werden wir mehr Gefahr laufen, Levantiner zu werden, als in diesem Streben, Europa zu imitieren. Denn das Heute ist der Zeuge des gestrigen, des überlebten Europas. Wenn wir nicht Teil haben an der Dynamik europäischen Ringens um die Formung des Morgen werden wir nicht die notwendige Sicherheit nn Entscheiden des Heute finden und zu sklavischer Nachahmung gezwungen sein. Die Situation der jüdischen Ärzte ist wirklich neuartig, soweit wir auch unsere Geschichte durchsuchen mögen. In den letzten 2000 Jahren hat unser Volk viele große Ärzte hervorgebracht. Fast zu allen Zeiten war der jüdische Arzt eine in der Welt bekannte und gesuchte Erscheinung. Aber bis auf den heutigen Tag ist es noch niemals zu einer Verknüpfung von Arzttum und Judentum gekommen. Es gab die Zusammenarbeit dieser beiden geistigen Mächte durch Personalunion, aber es gab keine gegenseitige Beeindruckung, die zu einem geistigen Produkt eigener Prägung geführt hätte, das auch losgelöst von der Person des Trägers, im Arzttum der Welt oder im jüdischen Volkstum geltend und wirkend gewesen wäre. Wenn er Arzt werden wollte, mußte der Jude zu allen Zeiten meist nicht nur »außer Landes«, sondern auch gewissermaßen »außer Volkes« gehen und solange er Arzt war, auch bleiben. Nie war diesen jüdischen Ärzten die Möglichkeit gegeben, Arztsein und Judesein zu verknüpfen. Denn sie waren als Ärzte geistige Schüler und Glieder anderer Völker und standen beruflich in deren Dienst, als Juden aber waren sie als isolierte Individuen ohne Belang soweit sie Ärzte waren, das heißt ohne Aufgabe für ihr Volk. Zum ersten Male in der jüdischen Geschichte lebt und wirkt im jüdischen Volksleben eine große Anzahl jüdischer Ärzte und sucht dort Arbeitsplatz und Aufgabe. Zum ersten Male ist die Notwendigkeit gegeben, als Jude Arzt und als Arzt Jude zu sein. Diese neuartige, uns allen gegebene Aufgabe kann unmöglich Sache des einzelnen Arztes sein, sondern nur in bewußter Gemeinsamkeit zu lösen gesucht werden. Das Mittel ist die Schaffung einer ärztlichen Akademie. Der Aufgabenkreis der jüdischen Ärzteakademie hält sich fern von jenen Arbeitsgebieten, die bereits von den bestehenden Vereinen der Ärzteschaft bearbeitet werden. Weder wirtschaftlichen Tagesfragen noch laufende klinische Referate, wie die allge-