Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 19 (1936)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1936)
- Article
- Zum Ärzteproblem in Palästina
- Date
- 1936-06-01
- Page
- Seite 282 (sequence 4)
- Language
- German
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zu einer Ordnung in ärztlichen Dingen zu kommen, begrüßen. Die Arrivierten werden nicht zur Seite stehen mit der Begründung, sie brauchten niemanden mehr, und die weniger Glücklichen werden sich nicht ausschließen mit der Begründung, die Sorge um ihre Existenz verbiete es ihnen, Zeit für derlei Dinge zu verwenden. Sie alle werden kommen. Zweifel bestehen nur, ob wir es verstehen werden, die Kurse dieses Seminars so gut und wirkungsvoll zu gestalten, wie wir alle es wünschen. In diesem Falle werden sie, besonders für die wirtschaftlich Schwachen ein Halt sein. Vielen Einwanderern fehlt vor allem die seelische Stütze, die weder Trostworte noch ein ewiges Wiederkauen der immer gleichen Tagessorgen, sondern nur eine sinnvolle Beschäftigung des Geistes geben kann. Gerade wir Ärzte kommen aus einer Bevölkerungsschicht, die, dem Leben des Künstlers benachbart, gelernt haben sollte, daß der Mensch nicht nur vom Brot allein und bisweilen sogar auch mit sehr wenig Brot gut leben kann. Außer diesem Seminar muß die nächste Aufgabe der organisierten Ärzteschaft die Schaffung einer geregelten ärztlichen Fortbildung sein. Die ärztliche Fortbildung spielt für uns alle eine sehr große Rolle. Von ihrer befriedigenden Regelung und Gestaltung hängt für eine übergroße Zahl die ärztliche Existenz ab. Es fehlt auch den Ärzten mit großer Praxis, von wenigen Ausnahmen abgesehen, meist das vielseitige .Krankenmaterial, das wir in Europa kannten, und das allein dem Arzt die Möglichkeit gibt, auf der Höhe seines Wissens zu bleiben. Denn die Medizin ist vor allem Empirie und die schon gemachten Erfahrungen sind ein Faktor von dauernd abnehmendem Wert. Daher können die Ärzte viel leichter zurückbleiben, als die Angehörigen anderer Berufe. Bis jetzt beschränkt sich die ärztliche Fortbildung im wesentlichen auf Vorträge in den Ärztevereinen, von denen, wie wir wissen, niemand befriedigt ist und einen Nutzen hat, als der Vortragende selbst, was mit allem Freimut bekannt werden soll. Die meisten dieser Vorträge leiden an zwei Fehlern. Entweder sie verwechseln Propädeutik mit Fortbildung oder sie referieren über ein Spezialistenthema. Der Arzt braucht zu seiner Fortbildung weder Sammelreferate noch Einführungen in Spezialgebiete der Medizin, sondern 1. den aktuellen Krankheitsfall als ärztliches Erlebnis, als Anlaß zu kritischem Denken und als Aufgabe, die eine Lösung verlangt, und 2. Behandlung und Zusammenfassung der medizinischen Fragen, die im Lande als Einzelfälle vorkommen. Er findet diese aktuellen Krankheitsfälle in den Krankenhäusern der Hadassa und den Ambulatorien der Kupath Cholim. An diesen beiden Stellen stauen sich die Kranken oft zu einer Fülle, die sowohl für die dort amtierenden Ärzte als auch für die Kranken unerträglich ist. Wie auf der ganzen Welt, so ist auch hier die Verteilung von Arbeit und Brot eine ungleichmäßige. Auf der einen Seite überfüllte Krankenhäuser und Ambulatorien, überanstrengte Ärzte, auf der anderen Seite leere Wartezimmer bei einer übergroßen Zahl von Ärzten. Darum müssen diese beiden Möglichkeiten in den Dienst der Fortbildung der gesamten Ärzteschaft gestellt werden. Denn jeder jüdische Arzt im Lande muß Recht und Möglichkeit zu dauernder Fortbildung haben, sobald er den Nachweis der Absolvierung des Ärzteseminars erbringen kann. Doch das bisher Gesagte betrifft nur Dinge, die längst hätten geordnet sein müssen. Uns fehlt schon weit mehr als das. In Palästina gibt es schon etwa 1500 jüdische Ärzte, und das wiegt mehr als 5000 jüdische Ärzte in einer Stadt Europas. Denn in den Ländern der Galuth wird auch die größte Mehrheit, die Juden in einer Ärzteschaft haben können, nicht dazu führen, daß die jüdischen Ärzte etwas zu verantworten und zu entscheiden haben,