Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 19 (1936)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1936)
- Article
- Das Volksvermögen und das Volkseinkommen Palästinas
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 9)
- Language
- German
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hätte auswirken müssen. Daß ein Überschuß des Konsums gegenüber dem Einkommen als Defizit vom Vermögen abgebucht wird, ist ja bei einer ganzen Volkswirtschaft kaum anders wie bei der Wirtschaftsführung des Einzelnen. Indessen, die Verhältnisse in Palästina sind ja nicht »normal«. Tatsächlich ist vom Volksvermögen nichts zugesetzt, sondern sogar dieses noch bedeutend erhöht worden, und zwar, wie schon soeben kurz bemerkt, durch eine Kapitalneubildung aus Mitteln der eigenen Produktion im Betrag von 4 Mill. £P, außerdem durch eine Einfuhr und Installierung von Produktionsmitteln und Baubedarf aus dem Auslande im Betrage von 9l/2 Mill. £P, was insoweit zusammen 13J^ Mill. £P an Volks Vermögenneubildung ergibt. Diese Summe, zuzüglich des »Konsumdefizits« von 4 Mill. £P, erscheint reichlich gedeckt durch jene Sondereinnahmen der palästinensischen Volkswirtschaft, die der Kapitalimport der jüdischen Einwanderer und der jüdischen nationalen Spendenfonds repräsentiert. Er —- den man nicht als einen Bestandteil des Volkseinkommens, sondern als außerordentlichen Vermögenszuwachs, wie in der Individualwirtschaft einen Lotteriegewinn, eine Erbschaft, eine Mitgift, bezeichnen muß — hat im Jahre 1935 schätzungsweise rund 18 Mill. £P erreicht, so daß nach Deckung des Konsumdefizits und der Neuinvestierungen noch rund 500.000 £P in, volkswirtschaftlich betrachtet, disponibler Form (Gold, Devisen, Auslandguthaben) verblieben sind. Immerhin bleibt trotz dieser günstigen Ausnahmesituation die heutige Art der palästinensischen Lebens- und Wirtschaftsführung nicht unbedenklich. Was wird geschehen, wenn die Kapitaleinfuhr wieder einmal nachläßt? Wird dann nicht das Mißverhältnis zwischen Konsum und Produktion sich recht unangenehm auswirken? Ohne einer Senkung des »Standard of life« das Wort zu reden, wird man den Ausweg vielmehr in der Entwicklung der produktiven Kräfte Palästinas suchen müssen, um immer mehr Konsumwaren, die man heute noch großenteils aus dem Auslande bezieht, im Lande selbst hervorzubringen, als Erzeugnisse der gemischten Landwirtschaft und der Industrie. Ähnliches gilt auch von den Dienstleistungen, also von der stärkeren Benutzung der einheimischen Handelsflotte, der einheimischen Versicherungsgesellschaften, der einheimischen Reise- und Erholungsmöglichkeiten. Erstrebt man die Erhöhung des Volkseinkommens, das heute pro Kopf der Landesbevölkerung nur 15.400 £P beträgt, zur vollen Deckung des Konsumbedarfes, unabhängig von den Schwankungen des Kapitalimports, so wird man den Beziehungen zwischen Volkseinkommen und Volksvermögen besondere Aufmerksamkeit widmen müssen. Das Volksvermögen, in diesem Zusammenhange weitgehend mit dem Produktionsfaktor »Kapital« identisch, erscheint als Quelle des Volkseinkommens dann von besonderer Kraft und Ergiebigkeit, wenn es in die richtige Beziehung zu den beiden anderen Produktionsfaktoren, der »Arbeit« und dem »Boden«, gesetzt wird. Es kommt also für Palästina nicht nur darauf an, daß die Kapitaleinfuhr gefördert wird, sondern ebenso auch auf eine produktionsfreundliche Regelung der Arbeiterimmigration und der Bodenpolitik. Es darf nicht geschehen, daß, wie es in den letzten Jahren so oft zu beobachten war, wichtige Betriebe der Landwirtschaft, der Industrie, des Handels und des Verkehrsgewerbes durch Mangel an Facharbeitern infolge der Einwanderungsrestriktionen in ihrer vollen produktiven Entfaltung behindert werden, und ebenso untragbar ist es, daß riesige Bodenstrecken in Palästina noch brachliegen und nur in extensivster Form als Weideland benutzt werden, die noch den Aufbau von hunderttausenden gesunder Existenzen ermöglichen könnten, wenn die Kolonisation sich ihrer sachgemäß bedienen dürfte. Eine Hebung des palästinensischen Volkseinkommens, dessen Kopfquote auch heute noch weit hinter west- und mitteleuropäischen und amerikanischen Durchschnittswerten zurücksteht, muß der Regierung ebenso erwünscht sein wie allen Bevölkerungs-