Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 18 (1935)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1935)
- Article
- Arbeiterbewegung. Von Dr. A.T.
- Date
- 1935-12-01
- Page
- Seite 679 (sequence 8)
- Language
- German
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kann (übrigens haben selbst die orthodoxen Siedlungen schwer mit diesem Problem zu ringen, weil doch gewisse Arbeiten auch am Sabbat ausgeführt werden müssen). Das Problem der Überarbeit ist allerdings kein spezifisches Problem des Moschaw Owdim, es stellt eine der Grundfragen des landwirtschaftlichen Arbeiterlebens in allen seinen Formen dar, und doch spitzt es sich in diesem Falle ganz besonders zu, da der Einzelsiedler für das Schicksal seiner Wirtschaft die unmittelbare Verantwortung trägt und jeden Fortschritt mit einer gewaltigen Arbeitsleistung zu erkämpfen bereit ist. Mag die Einführung der modernen landwirtschaftlichen Maschinen und die zum großen Teil dadurch ermöglichte Vergesellschaftung des Getreidebaues einige Abhilfe geschaffen haben, das Problem als solches bleibt weiterbestehen und dringt tief in die Grundlagen des Arbeiterlebens hinein, weil ja auch hier eine der Ursachen der Mißstände auf dem Gebiete des Kultur- und Gesellschaftlebens liegt, die früher erwähnt wurden, von den gesundheitlichen Folgen eines derartigen Zustandes abgesehen. So sucht denn der Moschaw Owdim im schweren Ringen mit diesen Problemen den Sinn des eigenen Daseins und die Möglichkeiten einer weiteren Entwicklung zu erkämpfen. Es gibt natürlich auch genug äußerliche Schwierigkeiten. Noch ist das Eis innerhalb der Arbeiterschaft nicht ganz gebrochen, noch werden sogar die führenden Instanzen der Histadruth (in diesem Falle insbesondere das Zentralkomitee des Landarbeiterbundes) mit Recht oder Unrecht verdächtigt, daß sie den Moschaw Owdim gegenüber den anderen Siedlungsformen zurücksetzen. Und doch geht es vorwärts. Das große Menschentum, das sich im bisherigen Wirken, ja sogar in der Problematik des Moschaw offenbart, muß sich schließlich die Anerkennung der arbeitenden Gesellschaft erkämpfen. Es werden also auch für diese Siedlungsform bessere Zeiten kommen. 3. Schattenseiten. Daß die Periode des großen Aufblühens, die die palästinensische Wirtschaft in den letzten Jahren durchmacht, für die Arbeiterschaft nicht bloß von günstigen Folgen begleitet ist, ist eine längst erkannte Tatsache. Das Abströmen in die Städte, die Jagd nach größeren Verdiensten und nach nicht immer auserlesenen Vergnügungen, all dies sind Begleiterscheinungen der Konjunktur, gegen die nur schwer angekämpft werden kann. Ja selbst der vom nationalen Standpunkt eminent wichtige Kampf um Eroberung der Arbeit in den jüdischen Kolonien, um den sich jähre- und jahrzehntelang die jüdische Arbeiterbewegung als einen der Hauptpunkte ihres Programmes konzentriert hatte, hat infolge der großen Verdienstmöglichkeiten in den Städten einen starken Rückschlag erlitten, und es ist der paradoxe Zustand eingetreten, daß gar mancher Arbeiterführer mit einiger Wehmut der alten Zeiten gedenkt, wo durch den Ansturm der Arbeitslosen so manche Position in den Kolonien erobert wurde. Anderseits hat auch die ebenfalls im Zusammenhang mit der Konjunkturperiode stehende gewaltige Vergrößerung der Arbeiterzahl im Lande gar manche Komplikationen zunächst organisatorischer Natur verursacht, deren Überwindung keine einfache Frage darstellt. Die einzelnen Gewerkvereine in.den Städten, deren Mitgliedschaft jetzt in die Tausende geht, ringen schwer mit dem Problem, wie eine derartige Zahl, die ja gar nicht auf allgemeinen Versammlungen zusammengebracht werden kann, doch an die Gewerkschaft gebunden und gesellschaftlich aktiv erhalten bleiben soll. Es wird an eine teilweise Auflösung der Gewerkschaft in Fachsektionen gedacht, doch kreuzt sich diese Frage mit einem neuen Problem von Industrievereinen, das im Zusammenhang mit den großen Bauarbeiten und mit den aufstrebenden Industriezweigen akut geworden ist. Auch hier gilt es also, auf Schritt und Tritt neue Wege zu suchen, um das Chaos zu überwinden, das sich aus der gewaltigen Vergrößerung der Dimensionen der Bewegung zu ergeben droht.