Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 18 (1935)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1935)
- Article
- Zum Problem der "Haavarah"
- Date
- 1935-12-01
- Page
- Seite 653 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2379786-2379926-2379938-2406501--21637-2406661- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
auf kurze Zeit beschäftigt werden. Wir dürfen annehmen, daß die Mehrbeschäftigung der 1000 Arbeiter auf ein Jahr den durch die Nichtneuinvestierung der 1,000.000 RM Kaufgeld bewirkten Ausfall von 100' Arbeitsplätzen gerade ausgleicht Damit ist bewiesen, daß die »Haavarah«-Aufträge an die deutsche Wirtschaft keine zusätzliche Ankurbelung schaffen. Die Desinvestierung jüdischen Kapitals läßt den Wirtschaftskörper schrumpfen und die »Haavarah«-Käufe redressieren nur diese Schrumpfung. 2. Der jüdische Fabrikant möge den Verkaufserlös von 1,000.000 RM nicht sofort der »Paltreu« einzahlen, sondern damit deutsche Wertpapiere kaufen. Damit hat er, wenn es sich um Aktien und Obligationen handelt, der Wirtschaft, wenn es sich um Staatsanleihen handelt, dem Staat ein unbefristetes oder langfristiges Darlehen gegeben. Die Aktiengesellschaft kann damit neue Betriebe schaffen oder ihre alten Betriebe ausdehnen, der Staat öffentliche Arbeiten ausführen. Wiederum können wir annehmen, daß auf diese Weise mit der Million Mark 100 Arbeitsstellen geschaffen werden und damit die Schrumpfung durch den Fabrikverkauf ausgeglichen wird. Entschließt sich jetzt der Jude, die Wertpapiere zu verkaufen, so gilt das Umgekehrte: der Käufer kann sein Kapital nicht zur Neuanschaffung von 100 Arbeitsplätzen benützen; es entsteht eine entsprechende Minderung des Wirtschaftsvolumens. Und diese Minderung wird durch die »Haavarah«-Käufe, mit denen der Transfer der Million Reichsmark vollzogen wird, ausgeglichen. 3. Endlich habe unser Fabrikant das Kaufgeld kurzfristig angelegt, sagen wir, einer Bank als tägliches oder Monatsgeld gegeben. Hebt er jetzt den Betrag ab und zahlt ihn der »Paltreu« ein, so hat es den Anschein, als ob deren Warenkäufe zusätzliche Beschäftigung brächten. Denn die Million Mark lag doch vorher »müßig« bei der Bank und wird jetzt wieder in den Wirtschaftsumlauf eingeschaltet. — Der Anschein trügt. Bei jeder ordentlich geführten Bank stehen die Einlagen zu den Ausleihungen in bestimmtem Verhältnis, derart, daß bei starken Einlagen entsprechend mehr ausgeliehen werden kann und umgekehrt. An wen leiht die Bank aus? In der Regel an Unternehmer. Zieht der Auswanderer 1,000.000 RM von der Bank ab, so ist die Bank genötigt, einem Unternehmer einen entsprechenden Betrag zu kündigen. Die eine Bank mag besonders liquid sein und daher sich durch den ersten Abzug noch nicht genötigt fühlen, ihre Ausleihungen sofort zu verringern; dafür mag es bei der zweiten Bank umgekehrt liegen. Im Durchschnitt der Fälle und besonders, wenn die Anziehungen sich häufen, können wir annehmen, daß für jede Million abgezogener Einlagen ebenso 100 Arbeitsplätze vernichtet werden, wie bei den vorher besprochenen anderen Formen der Desinvestierung. — Wir müssen hier für das Gesagte eine Einschränkung machen. Das Verhältnis zwischen Debitoren und Kreditoren schwankt nicht nur von Bank zu Bank, sondern außerdem auch in gleicher Richtung bei allen Banken im Konjunkturverlauf; im Abschwung sind die Banken liquide, im Aufschwung ist ihr Status angespannter. Fallen nun die Abzüge jüdischer Auswanderer in die Phase hoher Flüssigkeit, so sind die Banken nicht genötigt, Kredite zu kündigen. Dann würde mit der Desinvestierung keine Vernichtung von Arbeitsplätzen verbunden sein und daher die >>Haavarah«-Käufe wirklich eine zusätzliche Ankurbelung der deutschen Wirtschaft bedeuten. — Aber das ist nur auf kurze Frist richtig. Kommt der Aufschwung, so kann die Bank ihre Ausleihungen nicht so ausdehnen, wie sie es vermocht hätte, wenn die abgezogenen Gelder noch bei ihr wären. Einmal muß sich die Kürzung der Kapitaldecke fühlbar machen. In dieser Form macht sich das Liquiditätsproblem, nur in einer Volkswirtschaft fühlbar, in der die Menge der Umlaufsmittel im weitesten Sinne, also sowohl des Stückwie des Buch- oder Kreditgeides, durch »Selbststeuerung«, das heißt ohne weit-