Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 18 (1935)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1935)
- Article
- Jewish Agency. Von Spectator.
- Date
- 1935-10-01
- Page
- Seite 534 (sequence 4)
- Language
- German
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Palästinas in den letzten zwei Jahren auf die Einwanderung der deutschen Juden zurückzuführen ist. Die Frage, wie sich dies weiter entwickeln wird, ist daher nicht nur für die Betroffenen von größter Wichtigkeit, sondern auch für Palästina und den Aufbau des Jüdischen Nationalheimes. Nun bieten sich aber dieser Aktion gewisse Schwierigkeiten, die auch den Kongreß sehr beschäftigt haben. Die Auswanderung deutscher Juden mit ihrem Vermögen ist nur in der Form der Ausfuhr deutscher Waren nach Palästina zu bewerkstelligen. Dies steht aber im Widerspruch mit den in jüdischen Kreisen aller Länder der Welt propagierten Boykottendenzen, die den Gebrauch deutscher Waren ablehnen, solange die Entrechtung und Diffamierung der Juden in Deutschland anhält. Es ist kein Zweifel, daß hier für viele Zionisten ein echter Gewissenskonflikt vorliegt, aber es ist ebenso selbstverständlich, daß schon aus der Überlegung des Primats Palästinas die Praxis so eingerichtet werden muß, daß Palästina den größten Vorteil davon hat. Durch den Kapitaltransfer in der Form von Waren hat die palästinensische Wirtschaft eine gewaltige Stärkung erfahren, und vor allem haben auch die nationalen Institutionen und die Fonds auf diese Weise Gelder erhalten, die die Aufrechterhaltung ihres Budgets und die Durchführung wichtiger Arbeiten möglich machen. Aus diesen Gründen und nicht allein aus Rücksichtnahme auf die deutschen Juden, die nur auf diese Weise Deutschland verlassen können, entschied sich die Mehrheit des Kongresses dafür, dem Transfer nicht nur zuzustimmen, sondern ihn sogar der offiziellen Kontrolle der Jewish Agency zu unterstellen. Damit ist ein Prinzip der Realpolitik akzeptiert, das sich aus der besonderen Situation des Zionismus im Gegensatz zu anderen jüdischen Richtungen ergibt. Die Behandlung der deutschen Frage führte aber noch viel weiter ins Grundsätzliche hinein. An dieser Frage zeigt sich die Problematik einer zionistischen Goluspolitik in bezug auf die einzelnen Länder. Der Zionismus als zentrale Bewegung, der Juden aller Länder umfaßt, beruht auf dem Grundsatz, daß er sich unter keinen Umständen mit den politischen Verhältnissen eines einzelnen Landes befassen kann. Denn als zentrale Bewegung kann er nicht der Lage der Juden in einzelnen Ländern präjudizieren, sondern muß sich darauf beschränken, alle jüdischen Kräfte, wo immer sie sich finden, zur positiven Hilfs- und Rettungsarbeit zusammenzufassen. Dies ist besonders schwierig in einem Falle wie Deutschland, der noch nie dagewesen ist. Der Zionismus muß das Recht für sich in Anspruch nehmen, gegen die Diffamierung der jüdischen Rasse zu protestieren. Aber er weiß auch, daß Proteste nicht helfen, sondern daß es darauf ankommt, die Lage der Juden zu ändern. Und diese Aktion zur Änderung der Lage der Juden vollzieht sich in der realen Welt und erfordert realpolitisches Handeln, auch mit Faktoren, die als feindlich empfunden werden. Denn in der realen Welt kann man sich seinen Partner nicht aussuchen. Wer die Macht und damit die Verfügungsgewalt hat, muß als ein Faktor anerkannt werden, und der Zionismus, wenn er seiner Hauptaufgabe nicht untreu werden will, muß auch mit dieser Tatsache rechnen. Gerade hier erweist sich doch seine eigentliche Berufung; denn wo es den Juden gut geht, ist sein Eingreifen nicht so akut. Andere jüdische Richtungen, die keinerlei Verantwortung' tragen, haben es leicht, Gefühle, die jeder Jude empfindet, in extremer Zuspitzung zu proklamieren, oder Kampfansagen in die Welt zu schleudern. Der Zionismus muß sich hier staatsmännischer verhalten, und es ist dem XIX. Kongreß zum großen Verdienst anzurechnen, daß er für diese delikate Lage Verständnis hatte. Er hat trotzdem in würdiger Form die jüdische Stellungnahme zu den Vorgängen in Deutschland zum Ausdruck gebracht. Von den Hauptfragen Palästinas beschäftigten den Kongreß in erster Reihe die Arbeiterfrage. Sie ist es, die auch den wichtigsten Gegenstand des Parteistreites