Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 18 (1935)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1935)
- Article
- Produktivierung der Juden in Palästina - ein Irrweg?
- Date
- 1935-08-01
- Page
- Seite 442 (sequence 7)
- Language
- German
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bewaffnet zur Messe und holte sich selbst im Planwagen seine Waren» Heute teilen sich mit ihm in den Transport Spediteur und Eisenbahn, im die Bewachung Polizei umd He-er. Einst war der gelehrte Magister in allen Wissenschaften und schönen Künsten beschlagen; er bereitete und vertrieb die Arzneien und heilte die Kranken; er dichtete Liebeslieder, Ruhm- und Schmähverse. Von den zahlreichen Berufen, die heute an seine Stelle getreten sind, sei nur stichprobenweise auf die großen Gebiete des Presse- und Reklamewesens hingewiesen. Nach unserer Auffassung ist also die Erhöhung des Anteils der sekundären Berufe eine Funktion fortschreitender volkswirtschaftlicher Arbeitsteilung, und nicht eine Reaktion darauf, daß die Menschen aus den primären Berufen verdrängt werden. Was folgt daraus für das jüdische Palästina und seine Berufsgliederung? Der hohe Anteil der im Handel (16%) und in den freien Berufen (10%) Beschäftigten, den Horowitz gegenüber der niedrigen Ziffer der Landwirtschaft (15.5%) hervorhebt, ist unzweifelhaft das Erbe soziologischer Verhältnisse im Gahith. Für Horowitz ergibt sich daraus nicht der Schluß, daß in Palästina mehr Menschen den primären Berufen zugeführt werden sollten, sondern er meint ungefähr: Die Schaffung und Aufrechterhaltung eines hohen Lebensstandards, wie er für Juden mit ihrem hohen technischen und kulturellen Niveau wünschenswert und angemessen ist, ist nur bei starker Industrialisierung erreichbar. Dieser Vorzug ist aber mit der! Hypothek starker »Deproduktivierung« der Berufsgliederung, d. h. hoher Anteile der sekundären Berufe, belastet. Dieser Nachteil muß in Kauf genommen werden. Also ist die gegebene »deproduktive« Berufsschichtung entwicklungsnotwendig, und es hat wenig Sinn, ihre Änderung zu versuchen. (Diesen letzten Gedanken spricht Horowitz zwar nicht ausdrücklich aus; er ergibt sich aber zwingend aus seinen Darlegungen.) Bs ist zuzugeben, daß der Lebensstandard des Jischuw bei stärkerer Agrarisierung niedriger sein muß, als bei vorwiegender Industrialisierung. (Übrigens hat Industrialisierung auch den Vorzug, daß sie mehr Menschen je Bodeneinheit Erwerb bietet, wogegen die Siedlung bei richtiger Planung wiederum je Einheit der aufgewendeten Kosten mehr Arbeitsstellen bietet.) Es fragt sich aber, ob auf lange Sicht bei der niedrigen Lebenshaltung der Araber und der Umwohner im vorderen Orient im allgemeinen überhaupt die heutige Zivilisationshöhe aufrechterhalten werden kann. Das immer brennende Problem der jüdischen Arbeit zeigt, welche Unzuträglichkeiten sich aus der bloßen Tatsache der Verschiedenheit des Lebensstandards von Juden und Arabern ergeben. Eine wahre Befriedung wird sich ohne eine Annährung des Niveaus nicht erreichen lassen. Ob diese Annäherung allein durch Hebung der arabischen Lebenshaltung sich vollziehen wird, erscheint uns zweifelhaft. Aber auch wenn man die grundsätzliche Notwendigkeit einer Industrialisierung für Palästina zugibt, so ist es noch immer ein Unterschied, ob man sie als unvermeidliches Übel in gewisse Schranken weisen will, oder ob man sie, wie offenbar Horowitz, als Fortschrittsträger begrüßt und mit fliegenden Fahnen hereinläßt. Uns warnen die Spuren der