Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 18 (1935)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1935)
- Article
- Zwei Jahre Einwanderung aus Deutschland
- Date
- 1935-07-01
- Page
- Seite 356 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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nur wenige Monate braucht, dauert es bei den »Westlern« eine Ewigkeit. Aber auch dieser Umstand wird durch die Not und das Leben selbst Korrekturen erfahren. Die Bemühungen zur Schaffung von Hilfswirtschaften gehen intensiv weiter. Mit einer noch größeren Schärfe als in den Kolonien treten die Berufsprobleme in den Städten hervor. Ganz allgemein soll betont werden: im Lande ist bereits die Frage der Arbeitsrationalisierung akut, der Arbeitsprozeß ist bereits ziemlich kompliziert, irrig ist daher die Ansicht, daß heute noch, wie in früheren Jahren, jeder in jeden Arbeitsprozeß eindringen könne, ohne Kenntnisse der Art und der Qualität der Arbeit. Erwachsene Einwanderer bedürfen in starkem Maße die Hilfe der Unterweisung, um überhaupt zur »Einordnung« zu gelangen. Dem deutschen Einwanderer ist der Ruf einer gutqualifizierten Arbeiter- und Handwerkerschaft vorausgegangen. Diese Arbeiter stehen auch faktisch nicht unter dem Durchschnitt. Sie haben aber vielfach versagt, weil sie einerseits zu spezialisiert waren und anderseits viele zwar als Handwerker Einwanderungserlaubnis bekommen haben, in der Tat aber in den vorangehenden 10 und 15 Jahren aus dem Arbeitsprozeß aus geschieden gewesen waren. Wenn also heute zirka 5600 Einwanderer in den Städten als Handwerker und Arbeiter leben, so ist das im Vergleich mit ihrer Berufsgliederung in Deutschland ein großer Erfolg des zionistischen Werkes. Aber man muß auf Grund der sozialen und menschlichen* Struktur der Einwanderung öfter die Frage stellen: werden alle Arbeiter in den Berufen, in denen sie sich festgesetzt haben, bleiben? Wer einen Blick in die Zukunft nicht scheut, der muß sich klar sagen, daß das Problem der Produktivierung und einer den Bedürfnissen des Landes entsprechende beruflichen und gesinnungsmäßigen Erziehung in Palästina konform den Problemen der Hachscharah im Ausland andauert. Also Berufsschulung! Von allen diesen Gesichtspunkten ausgehend haben die H. O. G. und die »Deutsche Abteilung« gemeinsam mit der »Histadruth« den Weg der planmäßigen Berufsumschichtung für die deutschen Einwanderer gesucht. In Tel-Aviv (in der Max-Pein-Gewerbeschule) und in Haifa (im Technikum) wurden Umschichtungskurse für deutsche Einwanderer eingerichtet. Im Laufe von eineinhalb Jahren wurden in beiden Städten 224 Einwanderer ausgebildet. Die Kurse kosteten mit Investitionen an Maschinen, Lehrmaterial und Unterricht 2600 £P. Der Erfolg ist außerordentlich günstig. Erfahrungen wurden gesammelt und in diesem Jahr noch wird ein Plan zur Ausbildung von einigen hundert Menschen verwirklicht werden. Der Plan für Tel-Aviv z. B. sieht vor: 65 Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren für die Dauer von drei Jahren; 147 männliche und 45 weibliche Einwanderer. Als Fächer für Männer wurden gewählt: Metallarbeit, Tischlerei, Bau, öffentliche Arbeiten (Chaussee, Kanalisation), Telephon, Post; für Frauen: Tischlerei, Fliesenlegen, Fenster- und Türbeschläge, Spritzlack. Die Umschulung von Frauen ist ein Versuch von großer Tragweite. Wenn auch die Praxis gezeigt hat, daß Frauen in der Stadt viel eher eine Betätigung als ein ungelernter Mann finden, so läßt sich nicht bestreiten, daß die Konzentrierung der Frau in einige Berufssparten (Restaurant, Cafes, Verkäuferinnen, Kontor und Hauswirtschaft) und die soziale und materielle Stellung der arbeitenden Frau mit wenigen Ausnahmen hart an die Galuthsituation grenzt. Hiezu kommt noch, daß der Arbeitsmarkt für Frauen völlig anarchisch ist. Die »Moazath Hapoaloth« (der Arbeiterinnenrat) und die allgemein jüdischen Gewerkschaften tuen hier zur Verbesserung, was sie können. Allein die Zahl der unorganisierten Arbeitnehmerinnen (es gibt auch private Arbeitsvermittlungen) ist in den Städten unermeßlich gestiegen. Sie alle sind, was Arbeitszeit und Entlohnung betrifft, der Willkür der Arbeitgeber ausgesetzt und keineswegs vor