Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 18 (1935)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1935)
- Article
- Zwei Jahre Einwanderung aus Deutschland
- Date
- 1935-07-01
- Page
- Seite 353 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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es einmal zu Zeiten der »Gründungen« in Europa oder in den Kolonialländern gewesen sind. Hierzulande ist die Industriebasis schmal. Der Mangel an Schutzzöllen, die hohen Anlagekosten und Löhne und die Fragen des Absatzes spielen eine bedeutende Rolle. Die Industriellen dieser Kreise und die selbständigen Handwerker klagen über die schlechten Facharbeiter, über das Fehlen eines Lehrlingssystems und über die Desorganisation des Arbeitsmarktes. Eine viel umstrittene Sparte der deutschen Einwanderung bilden die Akademiker, Ärzte und Rechtsanwälte. Man kann zwar nicht leugnen, daß man im Lande unter dem Eindruck einer Überschwemmung von Ärzten und Rechtsanwälten aus Deutschland steht. Man vergißt gleichzeitig, daß die Einwanderung rund 50.000 Juden pro Jahr beträgt und daß schon dadurch eine größere Anzahl von Ärzten notwendig erscheint. Aber auch die Frage der Hospitalisierung und Verbesserung des Ärztepersonals konnte nur durch eine Zuwanderung von ausländischen Fachleuten einigermaßen gelöst werden. Alles hat, wie gesagt, zwei Seiten. Aus einer Statistik für die Jahre 1933/34 entnehmen wir, daß von 500 eingewanderten Ärzten aus Deutschland 300 ihre Praxis aufgenommen haben. 180 Ärzte schichteten um und von diesen 54 landwirtschaftlich. Die Anwälte haben es im Lande bedeutend schwieriger als andere Akademiker aus Deutschland gehabt. Und dennoch geht aus derselben Statistik hervor, daß von 350 Anwälten 135 sich zur Prüfung vorbereitet haben; 175 ergriffen produktive Berufe; 60 von ihnen wandten sich der Landwirtschaft zu. Von sonstigen freien Berufen leben zirka 3000 Seelen der deutschen Einwanderung. Ihre Existenzbasis bilden Bankgewerbe, Treuhandgesellschaften, Versicherungen, Kleinhandel und Verkehr. Einwanderer mit beschränktem Kapital wählten zur Zeit typische Immigrationsberufe, wie z. B. Pensionen, Cafes und Hotels. Die Geschäftsleute haben das Bild der Straßen in den Städten durch geschmackvolle Fensterdekorationen, saubere Ausstattung und Organisation des Innenbetriebes verbessert und einen guten Teil zur »Verwestlichung« des hiesigen Geschäftslebens beigetragen. Ganz zu Unrecht hört man in verschiedenen Kreisen des Jischuw darüber klagen, daß nur die »Jekkim« (deutsche Juden) den Luxus ins Land gebracht und den Standard erhöht haben. Die bürgerliche Einwanderung hat einen gewissen Lebensstil und Lebenshaltung mitgebracht, die sie hier aufrecht erhalten will. Ob es gelingen und ob der Lebensstandard immer der gleiche bleiben wird, ist höchst unbestimmt. Denn vieles lebt von der anhaltenden Einwanderung neuer Menschen und ist von ihr abhängig. Der Problem der »Tausendpfündler ohne Beruf« wird immer ernster. Gerade in der letzten Zeit häufen sich die Fälle derer, die entweder das Geld falsch angelegt oder zum Teil verzehrt haben. Eine Summe von 1000 £P ist für einen dem Beruf nach unproduktiven und zur körperlichen Arbeit ungeeigneten »Kapitalisten« eine heikle Sache. Was er tut und wo er sein Kapital investiert — es muß schon immer ein Volltreffer sein. Daher auch die schwere Entschlußfähigkeit dieser Art von Kapitalisten und die Erscheinungen der Familienpanik des Hungerwahns. Das Schicksal dieser Menschengruppe wird um so mehr besorgniserregend, als das sich verlangsamende Tempo des deutsch-palästinensischen Transfers praktisch ein Versiegen der Kapitalisteneinwanderung aus Deutschland bedeutet und heute schon Schatten zurückwirft. Die Frage der Produktivierung dieser Menschen und ihrer Kapitalien drängt mit aller Entschiedenheit nach einer Lösung. Einer der Auswege wird berufliche Vorbereitung dieser Kapitalisten und ihrer Familien für Produktivgenossenschaften sein müssen. Dieser Prozeß der Umstellung wird viele Opfer kosten, aber auch eine Gesundung herbeiführen. Ob man will oder nicht —- die wirtschaftliche Fundierung der Einwanderermassen überhaupt führt über den Weg der rein physischen, landwirtschaftlichen