Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 17 (1934)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1934)
- Article
- Der Einzelhandel in Palästina
- Date
- 1934-06-01
- Page
- Seite 258 (sequence 3)
- Language
- German
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die Kaufkraft dieser Bevölkerung vorsichtig bewertet werden. Tel-Aviv ist rund zu zwei Dritteln von Arbeiter- und Angestelltenfamilien bewohnt, deren Einkommen sich zwischen 8 und 15 Pfund monatlich bewegen; sie müssen von ihren Bezügen im Durchschnitt heute gut 35—50o/o für die ungeheuer gestiegene Wohnungsmiete aufwenden* und nach Abzug der Ernährung, der Schulgelder, der verschiedenen Beiträge und der für eventuelle Arbeitslosigkeit, Krankheitstage oder späteren Eigenbau notwendigen Sparanlagen verbleiben ihnen in der Regel nicht einmal 10 o/o des Einkommens für Bekleidungskäufe und sonstige Anschaffungen. Daher erklärt es sich auch, daß in den Geschäften stark gefeilscht wird und ein System „fester Preise" kaum durchzuhalten ist. Das in alledem liegende ungünstige Moment versdhärft sich noch dadurch, daß die Neugründungen sich besonders in den Luxusbranchen häufen. Gewiß werden die neuen Geschäfte zunächst vom Publikum überlaufen, aber meist bloß in den ersten Tagen und mehr von Neugierigen; bald wandert de* ganze Schwall wieder nadh einem Geschäft noch jüngeren Datums ab. Was wird nun an positiven Tatsachen hinsichtlich der Bedürfnisse angeführt? Einesteils die unablässige Zuwanderung, namentlich auch von Mitteleuropäern von hohem Lebensstandard, andernteils die rapide Anpassung de* vorhandenen Bevölkerung an moderne Verbraudhssitten, schließlich die Tatsache, daß in Palästina letzthin dank der Boden- und Baukonjunktur, des Fremdenverkehrs, der Industrialisierung und der lukrativen Zitruskultur ziemlich rasdh eine neue Schicht wohlhabender, oft ausgesprochen reicher Bürger »entstanden ist: Hausbesitzer, Pflanzer und Großbauern, Industrielle, Bankiers, Spediteure, Hoteliers, Großimporteure. Mit ihrem Luxusbedürfnis in der Wohnungsausstattung und Lebensführung rechnet in der Tat das Gros des neuen Spezialgeschäfte Palästinas, und man erwartet, daß diese zahlenmäßig nicht große, wirtschaftlich abe* einflußreiche Käuferschicht sich' noch durch lebhaften Zuzug von Rentnern aus dem Auslande vermehren wird, denen Palästina sowohl als Ruhesitz, wie auch als Gelegenheit zur Kapitalanlage attraktiv erscheint. Solch eine Veränderung der sozialen Struktur ist gewiß' nicht zu unterschätzen. Auf der anderen Seite muß man freilich berücksichtigen, daß ein großer Teil der wohlhabenden Palästinenser allsommerlicn nach Europa fährt und sidh dort vor allem mit Kleidung und Luxuswaren neu equipiert. Und dann darf auch nicht verschwiegen werden, daß die Konkurrenzspannungen zwischen alten und neuen Einzelhandelsunternehmer sich in Form einer gewissen Animosität auch manchen Kreisen des Publikums mitteilt, das bisweilen aus einer Art Trotz heraus den Einkauf in den neuen Läden scheut. Mit hochqualifizierten Einzelhandelsbetrieben des Bekleidungs-, Hausrats¬ und Luxusbedarfs ist Palästina heute mindestens sehr reichlich versehen. Interessant sind Ansätze zu einer kostenmindernden Rationalisierung in der Weise, daß man „Kettenläden" (ehain stores) organisiert, also gleichzeitig Verkaufsstellen in Jerusalem, Haifa und Tel-Aviv eröffnet. Da diese drei Städte offenbar verschiedenen Entwicklungskurven folgen, ergibt sich somit auch ein gewisser Risikoausgleich. Bei dem allgemeinen Zuge zur Hypertrophie im Aufbau von Fertigwaren-Fachgeschäften muß es etwas verwundern, daß relativ wenig Angehörige der neuen Immigration sich der Lebensmittelbranche zuwenden und daß Warenhäuser (department stores) und Einheitspreisgeschäfte, die sicherlich heute bereits einige Aussichten hätten, bisher nicht begründet worden sind. Die Erklärung hiefür ist wirtschaftspolitischer Natur. Zwar