Mannheim
Compact Memory

Palästina · 1932-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1932) · p. Seite 52

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Palästina
Volume
15 (1932)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1932)
Article
Jewish Agency. Von Dr. Robert Weltsch, Berlin.
Date
1932-01-01
Page
Seite 52 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2379786-2379900-2379902-2394646--13103-2394821
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

nächsten Zukunft erwartet. Ein großer Teil der zionistischen Welt ist der Meinung, daß die Balfour-Deklaration eine Art „Wunder" war und wartet demgemäß seit zehn Jahren auf ein neues Wunder. Man hat zwar seit 1922 dauernd auf England geschimpft und insbesondere seit 1929 oft genug betopt, daß man das Vertrauen zu England verloren hat, dennoch aber setzte man alle Hoffnungen auf eine Wendung der englischen Politik, die in einem festen Bündnis mit den Zionisten und auf Grundlage eines zionistischen Maximalprogramms allen Wünschen der Araber nach Erweiterung ihrer politischen Rechte im Sinne eines A-Mandates Widerstand leisten sollte. Die Tatsachen haben jedoch gezeigt, daß diejenigen Recht behalten haben, die seit zehn Jahren behaupteten, die englische Politik werde sich, wenn kein jüdisch-arabischer Ausgleich zustandekommt, immer mehr auf die arabische Seite neigen. Sir John Chancellor hat in seiner Proklamation vom 2. September 1929 erklärt, mit Rücksicht auf die grausamen Massakers müsse er die mit dem Kolonialamt angeknüpften Verhandlungen wegen einer Verfassung für Palästina unterbrechen; woraus hervorgeht, daß er zuvor, ohne daß die Juden darüber unterrichtet waren, solche Verhandlungen geführt hat. Im Weißbuch vom Oktober 1930 war wieder eine Verfassung, entsprechend der von 1922 in Aussicht gestellt, und die* betreffende Stimmung ist auch durch den Mac Donald-Brief nicht ausgehoben worden. Alle englischen Parteien sind heute in ihrer mit großer Mehrheit für die Verleihung konstitutioneller Rechte, obwohl man ja mit parlamentarischen Versuchen im Orient (der Orient beginnt in diesem Falle bereits am Rhein) keine besonderen Erfahrungen gemacht hat. Es war also zu erwarten, daß die Frage der Verfassung nach dem Amtsantritte Wauchopes auftauchen wird. Der Baseler Kongreß hat eine intransigemte Ablehnung aller diesbezüglichen Vorschläge beschlossen, und es ist wahrscheinlich, daß es in der Macht der Juden liegt, ein Verfassungsexperiment in Palästina zu vereiteln. Es fragt sich nur, welche Folgen ein solches Verhalten haben wird. Die Araber haben diesmal, wie es scheint, bereits Wasser in ihren Wein gegossen. Während sie irüher die Anerkennung einer staatsrechtlichen Sonderstellung der Juden strikt ablehnten und ihnen nur eine Art Minoritätsrechte in Aussicht stellten, scheinen sie jetzt eine klügere Formel gefunden zu habetn, die der Tatsache der bereits bestehenden jüdischen Siedlung Rechnung trägt. Die wichtigste Frage vom jüdischen Standpunkt ist zweifellos die Frage der Einwanderung. Aber auch hier geht es nicht um platonische Rechte, sondern um wirkliche Einwanderung von Menischen, und obwohl die Araber wahrscheinlich irgend ein feierlich proklamiertes jüdisches Recht auf freie Einwanderung ablehnen werden, läßt sich gut vorstellen, daß auch nach einem jüdisch-arabischen Ausgleich die tatsächliche Einwanderung nicht geringer wäre als jetzt, vielleicht sogar allmählich bedeutend größer, wenn nämlich infolge der Beilegung des übersteigerten politischen Konfliktes auch die arabischen Hinterländer Palästinas sich einer mäßigen jüdischen Einwanderung öffnen würden. Es ist nicht einzusehen, warum die Araber eine derartige jüdische Einwanderung in andero» arabische Länder, die weder die Bevölkerungsmehrheit werden will, noch politische Sonderrechte anstrebt, nicht gestatten sollten. Vom jüdischen Standpunkt jedoch ergäbe sich dann der Zustand, daß wir ein geschlossenes autonomes und staatsrechtlich sowie völkerrechtlich anerkanntes jüdisches Siedlungsgebiet hätten, wo die Juden nicht nur die Bevölkerungsmehrheit, sondern eine überwiegende Mehrheit bilden, während in der nächsten Umgebung, inner*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.