Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 14 (1931)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1931)
- Article
- Der wirtschaftliche Aufbau der Stadt Jerusalem
- Date
- 1931-12-01
- Page
- Seite 444 (sequence 8)
- Language
- German
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Faßt man alle in Frage kommenden Quellen zusammen und versucht man ein Gesamtbild des Geldimportes nach Jerusalem kurz vor dem Kriege zu erhalten, so wird man auf) einen Betrag von kaum weniger als 500.000 bis 600.000 Pfund pro anno kommen. II. Der Krieg mit seinen Folgen hat diese Wirtschaftsstruktur der Stadt, die vor allem durch die außerstädtische Herkunft der Subsistenzmittel ihrer Bewohner gekennzeichnet wird, d. h. also, ihren Charakter als einer Konsumentenschaft nicht aufgehoben, obwohl natürlich eine Reihe ganz wesentlicher Veränderungen eingetreten sind.9) Zunächst ist es die vollkommene Umwandlung des Stadtbildes und die Expansion der Stadt nach fast allen Richtungen, die dem Beobachter bei einem Vergleich mit dem früheren Stadtbild ins Auge fällt. Die Anlage neuer Hauptstraßen, die Modernisierung des Straßen- und Kanalisationssystems, die erstaunlich schnelle Durchsetzung moderner Verkehrsmittel, die Erweiterung und Neugründung von Wohnvierteln innerhalb und an der Peripherie der Stadt hat die Siedlungsweise und das städtebauliche Antlitz der Stadt weitgehend gewandelt. Das früher auf einen engen Raum zusammengedrängte Wohngebiet ist durch den Automobilverkehr so aufgelockert worden, daß sich bis zu einer Entfernung von 4 bis 5 Kilometer um den Stadtkern herum neue Vororte und Villenviertel bilden konnten. Das Ausscheiden Rußlands aus der Reihe der Palästina mit Geldmitteln versehenden Länder hat zwar viele der alten Erwerbsquellen der griechischorthodoxen und jüdischen Bewohner schwer betroffen; demgegenüber hat die Erhebung der Stadt zur L andeshauptstadt und die beträchtliche und vielfach recht kapitalkräftige E i n w a lvd erung eine Reihe neuer Erwerbsquellen erschlossen. Die Errichtung der zentralen Landesregierung in Jerusalem, die 9) In gesellschaftlicher Hinsicht ist nach dem Kriege eine tiefgehende Wandlung vor sich gegangen. Der Zustjrom des englischen Elementes hat den englischen Einfluß, der vor dem Kriejge kaum hervorgetreten war, zum dominierenden Faktor in der Gesellschaft gemacht. Der englischen Presse und englischer Literatur ist ein weites Feld eröffnet worden. In noch stärkerem Maße wirkte natürlich der Zionismus auf das geistige und soziale Leben der jüdischen Bevölkerung ein. Schulwesen, Presse, Literatur wurden hebraisiert, der neue Einwanderer sofort nach seiner Ankunft in diesen Hebräisierungsprozeß einbezogen. Damit war eine der Vorbedingungen erfüllt, aus der mach Herkunft, Sprache, Lebensform so differenzierten jüdischen Bevölkerung zum erstenmal eine einheitliche Gruppe zu gestalten, eine Voraussetzung, die in nationaler, politischer und kultureller Hinsicht weittragende Chancen eröffnete.