Mannheim
Compact Memory

Palästina · 1931-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1931) · p. Seite 403

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Palästina
Volume
14 (1931)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1931)
Article
Möglichkeiten der Privatwirtschaft
Date
1931-10-01
Page
Seite 403 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2379786-2379892-2379898-2394209--12747-2394376
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

händlerischen Existenzen, und ich bin weit entfernt davon, diesen Zustand als ideal zu betrachten. Aber das war und ist die Methode, mit der Tausende von jüdischen Familien ihre selbständige Existenz gefunden haben und noch finden, ohne irgendwie Mittel der Gemeinschatft, zum Beispiel unsere Fonds, in Anspruch nehmen zu müssen. Auch die Arbeiter haben das ganz gut begriffen und wenn es ihnen nach langen Mühen gelungen ist, ihre alten Eltern endlich aus Rußland nach Palästina zu bringen, so ist das erste, was sie tun, daß sie ihnen mit Hilfe eines kleinen Darlehens von irgendeiner der verschiedene» Darlehensbanken einen „Klet" errichten, eine Gasosbude, ein ^Lebensmittellädchen und dergleichen. Die dauernde Zulassung von Verkaufskiosken, die majn der Stadtverwaltung Tel-Aviv zum Vorwurf macht, ist von der anderen Seite aus gesehen, ein recht wirksames Mittel der sozialen Fürsorge, das in einem La^nde, wo es die staatliche organisierte Fürsorge auch in ihren Anfängen noch nicht gibt, von nicht geringer Bedeutung ist. Ich habe gesehen, daß man auch in Deutschland jetzt in weitem Maße zu dieser Methode als zu einem Mittel der Erleichterung der öffentlichen Fürsorge greift, indem ma:n auf diese Weise aus Unterstützungsempfängern selbständige Existenzen macht. Mata kann hinzufügen, daß der jüdische Einwanderer aus dem Osten, der in der Regel aus einer starken jüdischen Gebundenheit kommt, es an und für sich nicht so schwer findet, normale wirtschaftliche Erwägungen mit der Rücksicht auf die Forderungen der Gemeinschaft zu verbinden. Er ist daran gewohnt, und wir können nur sagen, daß dies wohl der Girund ist, warum sich der Klassenkampf in Palästina in milderen Formen abspielt als anderswo, insbesondere da, wo er, wie in der Stadt, auf die neue Einwanderung trifft, die doch in einem ganz anderem Maße als die frühere in den alten jüdischen Kolonien unter zionistischem Einfluß na<eh Palästina geykommen ist. Und es ist gar nicht einzusehen, warum nicht auch der zionistische Kapitalist aus Westeuropa, der sich in Palästina wirtschaftlich betätigt, ebenfalls verstehen soll, seinen wirtschaftlichen Notwendigkeiten in einer Form gerecht zu werden, die* die normalen sozialen und nationalen Notwendigkeiten des Lanldes berücksichtigt. Der ostjüdische Einwanderer liatte aber auch eine vertrauensvollere Einstellung zu den wirtschaftlichen Möglichkeiten Palästinas, als man im allgemeinen hierzulande noch findet. Er kam nicht mit allzu großer Erwartung, und er stellte keine zu hohen Ansprüche, stammte er doch gewöhnlich aus einer Schicht, deren Lebenshaltung unter der des westjüdischen Bürgers lag. In jedem Fajl war er viel mehr als der wirtschaftlich stabilisierte Westjude an ökonomische Wechselfälle gewöhnt und besitzt er. und das ist sein entscheidendes Prä. in einem ganz anderen Maße als der wirtschaftlich mehr öder minder saturierte Westjude die Fähigkeit der Chance, die sein eigentliches Wirtschaftskapitel ausmacht. Eben darum sah er die großen und die kleinen, und vor allem die kleinen Chancen des Landes, und machte sie sich zunutze. Er kam aus einer vorkapitalistischen Wirtschaftssphäre in ein Land mit vorkapitalistischer Wirts chaftsstruktur und so konnte er sich leicht anpassen. Wir Westjuden brachten viel zu viel theoretische Belastung mit, wir hatten verlernt, Dinge klein anzufangen, wir konnten nicht mehr beginnen, ohne zunächst einmal einen Apparat zu schaffen. Das ist einer der wesentlichen Gründe, warum bisher die paar westjüdischen Wirtschaftsgründungen, die unternommen wurden, zum guten Teil sich nicht behaupten konnten. Und das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.