Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 13 (1930)
- Issue
- Heft 7-9 (Juli 1930)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 329 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2379786-2379883-2379889-2391822--11163-2392035- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
usw.). Und da er die deskriptive Darstellung sehr stark mit Vergleichen,; sowie mehr prinzipiellen Feststellungen vermischt, gibt es eine Reihe von Punkten, in denen wir dem Verfasser, wenigstens in der etwas apodiktischen Form, in der seine Behauptungen hier vorgetragen werden, nicht immer zustimmen können. So erscheint uns schon die fast völlige Identifizierung von „Histadruth" und „Chewrat Owdim" keineswegs den wirklichen Verhältnissen zu entsprechen und Quelle mancher schiefen Betrachtung zu sein. Chewrat Owdim ist nicht nur die juristische Form, unter der die Histadruth, eben die faktisch heute bestehende Arbeitergewerkschaft, eingetragen ist, sondern „Chewrat Owdim" ist der Name für den gesellschaftlichen und juridischen Rahmen, der später einmal alle eigenen Wirtschaftsbetriebe der Arbeiterschaft umfassen soll, der, ein Zukunftsbild, das vorgenommen wurde, die klassenlose Arbeitergesellschaft darstellt. Diese beiden, im Wesen vielfach verschiedenen^ wenn auch von den gleichen Menschen geschaffenen Gebilde, besitzen ganz eigene Gesetze. Das eine ist eine Gewerkschaft, nicht gar so sehr verschieden von anderen zentralen Gewerkschaftsverbänden, sie ist nicht, wie man aus der Darstellung des Verfassers beinahe herauslesen könnte, der Erbe und Ablöser der beiden Parteien. Sie stellt sich dort am reinsten als Gewerkschaft dar, wo sie mit einem Arbeitsgeber zu rechnen hat, dessen Anschauungen und Klasseninteressen nicht durch eine Reihe von ideologischen und nationalen Begriffen belastet werden, nämlich in der Gewerkschaft der Eisenbahn- und Postarbeiter, deren Gegenspieler die Regierung ist. Auch in anderen Ländern haben die zentralen Gewerkschaftsverbände (natürlich nicht die reinen Fachorganisationen) eine ganze Reihe von Aufgaben, legitim oder nicht legitim, die sie außerhalb ihres engen Rahmens als „Gewerkschaft" erfüllen. Der rein politische Einfluß, den sie ausüben, sehr bedeutsam gekennzeichnet durch die Herkunft der Führer der europäischen Arbeiterschaft, wie durch den Kampf, den zum Beispiel die deutschen Kommunisten um die Gewerkschaften führen, ist außerordentlich'groß, ihr Kulturwerk häufig wichtiger als das der Parteien. Auch die Histadruth mußte den engen Gesichtspunkt der Mitgliedschaft in der Praxis etwas erweitern. Nicht hierin scheint uns der fundamentale Unterschied gegenüber den bekannten Gebilden der Gewerkschaft zu liegen, sondern vielmehr in der Diskrepanz und gleichzeitigen Verbindung von Aufgaben des Klassenkampfes und des konstruktiven Sozialismus, die in der Tat ein einzigartiges und höchst interessantes Phänomen darstellt. Die Idee des konstruktiven Sozialismus, in dieser Reinheit eben nur noch in Rußland vorhanden, hier nach der Revolution, in Palästina vor der russischen Revolution und ohne zwangsläufige Verbindung mit dieser, dies ist in dem Begrilf „Chewrat Owdim" verkörpert, dieses Ziel, bei gleichzeitiger Notwendigkeit eines, wenn auch gemilderten Klassenkampfes, ist das Problem der Histadruth, ja der ganzen Arbeiterbewegung Palästinas. Deshalb — in bewußter oder unbewußter Erkenntnis, daß von hier der heutigen Wirtschaftsform die eigentliche Gefahr droht und nicht von den Gewerkschaften her, an die als Gegner oder Partner im Wirtschaftskampf man sich bereits gewöhnt hat — richtet sich die Gegnerschaft der nichtsozialistischen Teile des Zionismus nicht gegen die Histadruth, wohl aber gegen die Chewrat Owdim, oder in einem besonders charakteristischen Einzelfall nicht gegen die Landarbeitergewerkschaft, wohl aber gegen die Gesellschaft „Nir". Diese Gegensätzlichkeit scheint uns für die Betrachtung der palästinensischen Arbeiterprobleme der Schlüssel zu sein,