Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 13 (1930)
- Issue
- Heft 7-9 (Juli 1930)
- Article
- Boden- und Immigrationspolitik im Shaw-Bericht
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 252 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2379786-2379883-2379889-2391719--10887-2391958- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
252 ments sag* an der gleichen Stelle: „Ich will dieses volle Glas Wasser zum Beispiel nehmen. Dieses Glas kann überfließen, und so muß das Land überfließen." Diese tiefsinnige Analogie sagt meiner Meinung nach mehr über die Qualität ehemaliger türkischer Parlamentsabgeordneter als über das Wesen des Immigrationsproblems aus. Was hier behauptet wird, stimmt nicht einmal für einen Eisenbahnwaggon. Auch seine Aufnahmekapazität ist elastisch, zuweilen sogar erstaunlich elastisch; außerdem habe ich noch nie gehört, daß es irgendwo eine Explosion wegen Ueberfüllung mit Passagieren gegeben hätte. Sogar die Aufnahmekapazität einer Sardinenbüchse für Oelsardinen ist in gewissen Grenzen elastisch. Aber die Hauptsache ist natürlich, daß diese ganze Betrachtungsweise vom Standpunkt des wirtschaftlichen Einwanderungsproblems kindisch ist. Ein Einwanderungsland, ein zu erschließendes und in der Entwicklung begriffenes Wirtschaftsgebiet, ist eben weder ein Eisenbahnwaggon noch eine Sardinenbüchse. Nun macht die Shaw-Kommission selbstverständlich sich nicht die naiven Bilder der arabischen Notabein zu eigen. Sie kennt die politische Formelsprache und weiß, daß „ein Kardinalprinzip der im Jahre 1922 festgelegten Politik das ist, daß die Immigration die ökonomische Aufnahmefähigkeit Palästinas für Neueinwanderer nicht überschreiten solle."22) Aber was dem Sheikh sein Eisenbahnwaggon, das ist der Kommission die „ökonomische Aufnahmefähigkeit". Hier wie dort nicht ein Versuch, soziale Dynamik zu messen, sondern eine äußerliche, mechanische, starre Formel. In der Wirklichkeit ist die Immigrationsbewegung in ein Wirtschaftsgebiet, als sozialökonomischer Prozeß aufgefaßt, eine sehr komplizierte Funktionsgleichung, in der der Kapitalimport oder die Kapitalakkumulation, der Lebensstandard der Einwanderer und die natürlichen Bedingungen des Einwanderungslandes die variablen Faktoren sind, von denen Tempo, Umfang und Zusammensetzung der Einwanderung bestimmt werden. Ob diese Kapitalmasse aus den Kanälen großer internationaler Anleihen oder plötzlichen Goldfunden an Ort und Stelle, oder über die Welt verstreuten nationalen Spendensammlungen stammt, ist für ihre wirtschaftliche Wirkung gleichgültig. Auf Grund derselben natürlichen Hilfsquellen und der gleichen Kapitaleinfuhr wird sich eine Immigrationsbewegung zahlenmäßig ausdehnen oder zusammenziehen, je nachdem die Immigranten höhere Ansprüche an die 22) Seite 100.