Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 13 (1930)
- Issue
- Heft 4-5 (April 1930)
- Article
- Politik. Von Dr. Ernst Simon, Jerusalem.
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 160 (sequence 4)
- Language
- German
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vergessen werden, daß er vor einer überaus schwierigen, vielleicht nicht einmal ganz lösbaren Situation stand. Zu einer der wenigen wichtigeren Maßnahmen der Palästinaverwaltung aus der letzten Zeit gehören Bestimmungen über die Munizipalitäten, die meist in der Richtung laufen, die bisherigen Stadträte für weitere Jahre zu bestätigen oder neue Körperschaften durch Ernennung einzusetzen, auf alle Fälle aber Wahlkämpfe mit ihren Erregungen zu vermeiden. Dies alles setzt natürlich den Wert der städtischen Selbstverwaltung stark herab. Besonders ernst ist in dieser Beziehung die Lage in Jerusalem. Dort ist in Abwesenheit des ersten Bürgermeisters der christlich-arabische stellvertretende Bürgermeister zur tatsächlichen Stellvertretung ernannt worden, nicht aber der eine größere Bevölkerung vertretende jüdische Vizebürgermeister. Deswegen und noch aus anderen, in der Vergangenheit liegenden Gründen sind die jüdischen Stadträte zurückgetreten, nachdem sie diesen Schritt in den letzten Monaten schon vielfach angekündigt, aber niemals ausgeführt hatten. Die Regierung hat keinerlei Versuch gemacht, die Juden zurückzugewinnen, sondern ihnen nur in einem ganz kurzen und kühlen Schreiben offiziell „für ihre der Stadt geleisteten Dienste"4 gedankt. Nun regiert also ein arabischer Rumpfstadtrat in Jerusalem, und wer weiß, wann Neuwahlen diesen Zustand ändern werden! Leider ist angesichts dieser, auf allen Fronten schweren Situation und trotz allen unberechtigten Rufens nach „nationaler Disziplin" in Sachen der freien politischen Überzeugung die Einigkeit des Jischuw nicht übermäßig gefestigt. Dafür ist ein betrübender Vorfall in der Orangenkolonie Kfar Saba, unweit Petach Tikwahs, ein ernstes Symptom. Diese verhältnismäßig junge Pflanzenkolonie gehört zu jenem neuen Typ ausschließlich mit jüdischer Arbeit wirtschaftenden Siedlungen. Die Verteilung der Arbeitskräfte war hier, wie in den meisten anderen Orten, in den Händen des „Arbeitsamtes" der Arbeiterorganisation, das aber von Arbeitsuchenden natürlich nicht den Nachweis ihrer Zugehörigkeit zur Arbeiterorganisation oder gar zur Arbeiterpartei verlangte. Trotzdem wird das Monopol dieser immerhin einseitig zusammengesetzten, wenn auch vielleicht nicht einseitig entscheidenden Arbeitsämter seit langem als Übelstand empfunden: Es ist auch in einigen größeren Städten und Kolonien durch besondere Arbeitsämter des „Hapoel Hamisrachi" bereits durchlöchert. Um eine weitere Zersplitterung zu verhindern, schwebt seit langem der Vorschlag zur Gründung „neutraler Arbeitsämter", der auch in dem früher hier besprochenen Kollektivvertrag zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern eine Hauptrolle spielte. Neuerdings ist nun noch eine dritte konkurrierende Arbeiterschicht hinzugetreten, die in der augenblicklichen Aliah aus Polen vertreten ist: Chaluzim, die dem „Brith Trumpeldor" angehören. Diese Arbeitskräfte benutzten, von der palästinensischen Landesorganisation unterstützt, einen Arbeitermangel in Kfar Saba, den das Arbeitsamt — angeblich oder wirklich — im Augenblick nicht decken konnte, um in der Kolonie einzudringen. Demgegenüber wachte das Arbeitsamt über sein Monopol, und es kam schließlich zu tätlichen Angriffen gegen die Leute vom „Brith Trumpeldor". Die Frage bat unterdessen ihre teils gerichtliche, teils schiedsrichterliche Austragung gefunden, beschäftigt aber die Presse noch sehr stark. Auf der einen Seite wird, vom „Davar" aus, der Grundsatz der einheitlichen Arbeitsorganisation hervorgehoben, die ein eminent aufbauender Faktor sei und hinsichtlich derer man keine Kompromisse eingehen könne. Auf der anderen Seite benutzen die Revisionisten den sehr bedauerlichen Zwischenfall, um ihre politische und wirtschaftsreaktionäre Abneigung gegen die Arbeiterschaft anzuheizen. Die Angelegenheit bekommt dadurch den Charakter eines Klassenkampfsymptoms, daß auch die Bauern von Kfar Saba in ihrer Mehrzahl Stellung nehmen,