Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 13 (1930)
- Issue
- Heft 4-5 (April 1930)
- Article
- Aus den Anfängen von Chederah
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 149 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Meine Schwester brachte den Keim des Fiebers mit sich. Zwei Jahre fraß es langsam an ihr, bis sie schließlich in der Blüte ihrer Jahre in die wahre Welt, das Jenseits, zurückkehrte... Das erste Jahr von Ghederab mit seinen Schrecken ging vorüber. Es kam das zweite. Sobald die ersten Regentage kamen, drängte sich das Leben im „Chan" zusammen. Wegen der Regengüsse verließen alle die Hütten. Allein das Fieber ließ im Winter nach, ging aber nicht gänzlich fort. Nach den Regengüssen verschönte sich die Kolonie außerordentlich. Die angebauten Felder bedeckten sich mit einem Teppich von frischem Grün, und die Brachfelder schmückten sich mit bunten Blumen aller Arten. Die Herzen jubelten, die Hände schufen die Arbeit von selbst. Man begann mit den Pflanzungsarbeiten. Eine der Gesellschaften begann mit großen Weintrauben, zirka 400 Dunam. Die Arbeit wurde von einem Fachmann aus Rechoboth beaufsichtigt. Wir begannen mit einem großen „Bachar"5) und dem Pflanzen. Beim Bachar arbeiteten wir unter den Bauern und ihren Söhnen und einer kleinen Gruppe jüdischer Arbeiter, welche eben in die Kolonie gekommen waren. Bei Tag arbeiteten wir und bei Nacht gingen wir in die Zimmer des Chan, die von furchtbarem Dunst erfüllt waren, und sprachen mit Begeisterung unter heftigem Streiten über ... die Fragen des Weinbaues. Unter den wenigen Arbeitern der Kolonie war einer namens Moses Laskowsky. Er kam gegen Ende des Sommers. Er hatte weder Boden noch sonst einen Besitz in der Kolonie, keine Verwandten oder Bekannten. Er hatte gehört, daß in Chederah große Sorgen wären, und so kam er. Er hatte ein weißes, zartes Gesicht, blaue, treue Augen und war wie ein lachendes, naives Kind. Um ihn herum war keine Trauer und Sorge; wenn er sich näherte, schwanden alle Leiden. Er lachte, und alle mußten mitlachen. Von der ersten Minute seines Kommens an machte Laskowsky die kleine Kwuzah zu einem Hort der Fröhlichkeit. Und überall, wo Hilfe not tat, war er da: im Zelt, wenn alle Insassen krank waren, am Bett des Sterbenden, beim Schaufeln der Gräber, bei den Tröstern, auf der Wacht in dunklen und regnerischen Nächten, bei gefährlichen Botschaften, die über Flüsse, die im Winter Hochwasser führten, nach Sichron zu bringen waren, um den Arzt oder um einen Mehlvorrat.. . Und zu wem er kam, alle lachten mit ihm. Hörte man sein Lachen, so ging das Fieber zurück oder besserte sich ein wenig. Auch auf dem Antlitz der Sterbenden leuchtete es bei seinem Anblick auf. Sein Lachen war wie ein hervorquellender Lebensstrom, der die Seelen stärkt, seine Wurzel war eine große Liebe zum Leben, zum Menschen, zum ausgetrockneten, wüsten Boden, der sich nach unserer Bebauung sehnte, zur neuen, schwergeprüften Kolonie. Und wie lebte Laskowsky? Damals mit einem Laib Brot um einen halben Bischlik (kleine türkische Münze, ein halber Bischlik war 22 Pf. wert, Anm. d. Übers.), und das Wasser, das manchmal trüb war, kostete nichts. Seine Wohnung? In der warmen Jahreszeit war der Himmel sein Zelt, in der Regenzeit das „Chan". Und dort fand er immer etwas zum Verdienen. Manchmal bei den Vermessungsgeometern, manchmal bei den Bauten, die errichtet oder demoliert wurden, manchmal wurde auch mit dem „Bachar" im Winter angefangen usw. Im Jahre 1893 kam auf Anordnung des „Odessaer Komitee"8) der Agronom Kaiserin ann, um Eukalyptusbäume zu pflanzen zu beiden Seiten der Straße der Kolonie 5) Arabisches Wort, bedeutet das Ausjäten des gefährlichen Unkrautes Indschil, von dem kein Hälmchen bleiben darf, weil es sich sonst sofort wieder rasch vermehrt. (Anm. d. Übers.) 6) Das „Odessaer Komitee" der Chowewe Zion war 1889 begründet worden zum Zwecke der kolonisatorischen Arbeit in Palästina. Der heutige Leiter des KKL., Ing. Ussischkin, war durch Jahrzehnte der Vorsitzende dieses Komitees. (Anm. d. Übers.)