Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 13 (1930)
- Issue
- Heft 4-5 (April 1930)
- Article
- Aus den Anfängen von Chederah
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 148 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2379786-2379883-2379887-2391177--10505-2391356- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
vollkommen. Wenn ich mich von der Hütte einige Schritte entferne, sehe ich sie nicht mehr. Die ganze Umgebung atmet Schrecken. Das Geheul der Füchse steigt aus der Dunkelheit auf, die Hunde beljen — ein irrsinnig angsterfülltes Bellen. Schüsse der Wächter durchschneiden die Luft. Mein kleiner Hund, ganz naß, zwischen meinen Füßen versteckt, blickt dahin und dorthin. Die Pferde wiehern, und die Eisenketten an ihren Füßen klirren. Blitze zucken durch die Nacht, und die Stimme des Donners läßt für Augenblicke alle Wesen erzittern. Und wenn mein Bruder mich ablöst, kehre ich in die Hütte zurück. Unter der Matte hervor hört man das Stöhnen der Kranken und ihre mit leiser Stimme geflüsterten Worte — darunter solche des Erinnerns an die Mutter, welche so weit jenseits des Meeres wehnt und sie vor dem Fieber warnt, und solche, die den Vater rufen, damit er komme, um zu bauen, zu pflanzen, alles zu machen... Oder plötzlich hört man ein Volkslied in ukrainischer Sprache, der geliebten Sprache meiner Schwester. Wir bemühen uns, ihre Gedanken abzulenken, aber auch unsere sind weit davon entfernt, beruhigt zu sein. Wir haben keine Häuser gebaut, der Winter kommt, und wir müssen in das verschmutzte „Chan"2) gehen. .. . Die Erkrankungen in Chederah häufen sich — schon starben zehn Leute am Fieber, und in Damaskus ist die Cholera verbreitet, sie wird auch nach Nordpalästina kommen, indes Jaffa gegen uns die Quarantäne verhängt. .. und von zu Hause rufen sie uns zurück, daß wir das Ganze aufgeben und zurückkehren sollen. Von der Rückseite der Hütte her tönt der Knall eines Schusses. Ich laufe hinaus, mein Bruder ruft mich und erzählt mir erschrocken, daß er das Geräusch von Schritten eines Mannes bei den Pferden und dann bei den Brunnen hörte und die Flinte abfeuerte. Wir gehen zu zweit um die Hütte von allen Seiten, suchen bei den Stämmen und den Pferden, finden aber nichts. Nur unser kleiner Hund springt über die Gräben, welche ringsum laufen, zu unserer Hütte und bellt wie ein Verzweifelter . .. Wir übersiedelten in das „Chan". Wir wählten eines der Zimmer und ließen uns dort nieder. Und hier wurde ich wieder von schwerem Fieber befallen mit Symptomen von Gelbsucht. Der Weg nach Jaffa war gesperrt wegen Quarantäne, der nach Sichron wegen der Regengüsse sehr gefährdet. Doch woher sollten wir unsere Nahrungsmittel beziehen? Und ärztliche Hilfe? Die einzelnen Familien begannen nach und nach die Kolonie zu verlassen, nach Haifa oder Jaffa zu wandern, so lange, bis das Ärgste vorüber sei. Es blieben nur die Ledigen zurück. Auch wir beschlossen, nach Rischon3) zurückzukehren, bis sich die Zustände gebessert haben würden. Wir spannten unseren Wagen ein, luden Lebensmittel auf und setzten uns auf ihn, um nach Jaffa zu fahren. Bei der Mündung des Jarkon war Quarantäne. Wir wurden zehn Tage eingeschlossen. Dann wurden wir als rein und geläutert erklärt mit der Erlaubnis, in Jaffa einzuziehen. Von Jaffa kehrten wir nach Rischon zurück. Dort dachte ich, für meine Schwester und den kleinen Bruder einen Unterkunftsplatz zu finden und selbst nach Chederah zurückzukehren. Aber dieser Gedanke wurde nicht ausgeführt. Das Fieber verfolgte mich und warf mich ins Bett. Viele Monate schwebte ich zwischen Leben und Tod. Als ich außer Gefahr war, zog mich mein Herz nach Rechoboth4) und ich ging dorthin. 2) Türkisches Wort, soviel als Unterkunft, Herberge. Hier ist das ursprüngliche alte Gebäude, das die Kolonisten vorfanden, gemeint. (Anm. d. Übers.) 3) Rischon le Zion (die erste in Zion), die erste 1882 von den Bilu gegründete Kolonie, südlich von Jaffa. (Anm. d. Übers.) 4) Diese Kolonie, von der Gesellschaft „Menuchah we Nachiah" (Ruhe- und Landbesitz) unter Einfluß von Achad Haams „Bnei Mosche" 1890 gegründet, stand auf eigenen Füßen und war von allen alten Kolonien diejenige mit dem frischesten nationalen Leben. (Anm. d. Übers.)