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Palästina · 1930-03-01 · Heft 3 (März 1930) · p. Seite 91

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Palästina
Volume
13 (1930)
Issue
Heft 3 (März 1930)
Article
Bemerkungen zur Psychologie der Juden in Palästina
Date
1930-03-01
Page
Seite 91 (sequence 3)
Language
German
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zu vertauschen. Der daraus resultierende Mangel an Fachmannqualität ist eine ganz große Erschwerung beim Aufbau des Landes, um so mehr, da aus dem Mangel nur allzuoft eine Tugend gemacht wird. Der Jude, der keinen Beruf richtig gelernt hat und daher jeden meistern zu können glaubt, ist leicht geneigt, mit Geringschätzung auf den Fachmann zu blicken, der jede Aufgabe schwer nimmt. Demgegenüber steht aber als eminenter Vorteil die aus dieser Einstellung herrührende Unbefangenheit, die von mir bereits einmal in diesen Blättern zitierte „Chancenfähigkeit" des Juden, die ihn in einem so wenig entwickelten Lande wie dem heutigen Erez Israel gerade da als besonders brauchbares Element erscheinen läßt, wo es mehr darauf ankommt, eine Position zunächst einmal zu finden und sie unter ungünstigen Umständen mit allen Mitteln zu halten, als darauf, sie systematisch auszubauen. Ich weiß nicht, inwieweit die Psychotechnik uns dabei helfen kann, aber wenn sie es könnte, wäre es eine sehr dankbare Aufgabe für sie, festzustellen, wie die Nachteile der mangelnden Fachbeherrschung beim jüdischen Einwanderer durch seine Elastizität ausgeglichen werden kann, von der wir gerade jetzt nach den Unruhen wieder wahrhaft staunenswerte Beispiele jeden Tag erleben. Immer wieder stehen die gutgeschulten europäischen und amerikanischen Fachleute in Erez Israel vor dem Zweifel, ob sie mehr ihrer angelernten Erfahrung und technischen Bildung oder aber der fabelhaften Findigkeit und vor allem Wendigkeit des betriebstechnisch und kaufmännisch oft nur sehr wenig geschulten ostjüdischen Einwanderers oder des ihm in vieler Hinsicht sehr ähnlichen Jemeniten vertäuen sollen. Die richtige Grenze innezuhalten, ist ganz außerordentlich schwer, insbesondere da, wo es sich um Kreditfragen handelt. Wie steht es um die oft zitierte individualistische Einstellung des Juden? Der Neigung, sich unter irgendeine Idee zu beugen und ihr seine Persönlichkeit zu opfern, steht eine ausgesprochene Abneigung entgegen, in der Reihe zu bleiben. Es ist ein Mangel an Staatsgefühl, dem wir nicht nur in politischer Hinsicht begegnen und der leicht daraus erklärt werden mag, daß in den Jahrhunderten des Galuth bis in die neueste Zeit hinein der Staat für den Juden in den allermeisten Fällen nichts war als der Feind. Wir wissen heute aus Erfahrung, daß wir mit dieser „Halsstarrigkeit", mit dieser Vorliebe für die eigene Meinung, mit der Diskussionssucht und der mangelnden Fähigkeit der Ein- und Unterordnung als einem Faktor zu rechnen haben, der sich beim Aufbau unserer Wirtschaft leicht störend, produktionshemmend, kostenverteuernd auswirkt. Aber auch dieser psychologische Mangel weist eine zweite, sehr beachtenswerte gute Seite auf: die kritische Unbekümmertheit irgendwelchen Satzungen gegenüber, die letzten Endes doch nur von Menschen gemacht sind. Daraus entsteht eine Freiheit der Anschauung, eine Losgelöstheit von jedem Dogma, die — richtig ausgenutzt — unser palästinensisches Gemeinwesen eigentlich vor der bürokratischen Erstarrung bewahren müßte, die ein Merkmal moderner Staatlichkeit zu sein scheint, und von der wir leider bereits hinreichend genug Beispiele bei uns zu spüren bekommen. Eine Untersuchung der beiden Grundlagen dieser Erscheinung könnte für unser Gemeinschaftsleben in Erez Israel, insbesondere auch in wirtschaftlicher Beziehung, von großer Bedeutung werden. Ich brauche dafür z. B. nur an die Frage der Kwuzah oder der Genossenschaft überhaupt zu erinnern, für die die Beherrschung ihrer psychologischen Grundlagen den wirtschaftlichen Erfolg entscheidend beeinflußt. Man könnte aus der persönlichen Erfahrung heraus noch eine Fülle von Material beibringen, um zu beweisen, daß die Arbeit mit und am jüdischen Volk, insbesondere daher der Aufbau des jüdischen Palästina, viel mehr mit der wissenschaftlich zu erforschenden Sonderart dieses Volkes zu rechnen hat, als das bisher zu geschehen

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