Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 13 (1930)
- Issue
- Heft 3 (März 1930)
- Article
- Bemerkungen zur Psychologie der Juden in Palästina
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 90 (sequence 2)
- Language
- German
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der Jaden für den Handel. Aber aus dieser, übrigens nicht hundertprozentig richtigen, Erkenntnis hat, soweit mir bekannt ist, innerhalb der zionistischen Literatur bisher nur Davis Trietsch die Konsequenz gezogen und darauf aufmerksam gemacht, daß es verfehlt sei, die Juden mit Gewalt zu Bauern zu machen, wenn sie seit mehr als 2000 Jahren, sei es keine Neigung, sei es keine Veranlagung zu diesem Berufe zeigten. Daraus folgerte Trietsch des weiteren, daß, da nun einmal jüdischer Bauer .und jüdische Landwirtschaft für den Aufbau des Landes notwendig seien, wir versuchen müßten, diejenige Form der Landwirtschaft zu finden, die der händlerischen Art de& Juden am meisten angepaßt sei. Hier tritt der Unterschied in der Problemstellung gegenüber der von Herrn Prof. Suter zutage: es genügt keineswegs, das Individuum darauf zu untersuchen, ob und inwieweit es den Anforderungen des Aufbaues entspricht, sondern es muß auch das System und die Richtung des Aufbauwerkes entsprechend der gegebenen Veranlagung des jüdischen Volkes eingestellt werden. Aber die besonderen Fähigkeiten und Eigenarten des jüdischen Volkes sind für uns ein noch fast ganz unerforschtes Gebiet. Aufschluß darüber finden wir, abgesehen von dem Studium unserer Geschichte und einigen dichterischen Versuchen, eigentlich? nur in der reichen Fundgrube des jüdischen Witzes. Nehmen wir ein Beispiel aus jüngster Zeit: die Haltung des jüdischen Volkes im Weitkriege. Wie die Mehrzahl der in den Weltkrieg verstrickten Juden aller Länder sich zu diesem Wahnsinn verhalten hat, wie sie in der ganzen furchtbaren Menschheitsschmach immer nur eine abscheuliche Verurteilung der „Gojim", nie aber — Gott behüte — eine Aufgabe: sahen, das ist eine Epoche moralischer Heldenhaftigkeit, die wahrlich Besseres verdiente, als nur in Witzen überliefert zu bleiben und im klassischen Jargon der Nichtjuden unter Rubrik „Jüdische Feigheit" registriert zu werden. Nehmen wir auf der anderen Seite die heldenmütige Leistung der jüdischen Selbstwehr bei den jüngsten Araberunruhen in Erez Israel, so erkennen wir, wie wichtig es für den politischen: Aufbau der jüdischen Heimstätte wäre, sich über die Tiefe und die Richtung dieser prinzipiellen Abkehr eines ganzen Volkes von körperlicher Gewalt einerseits, seines* unbeugsamen Lebenswillens anderseits klarzuwerden. Erst so könnte es gelingen, unseren nationalen Geltungsdrang in einen gesunden Einklang mit den jahrtausendalten Quellen unserer Volksethik zu bringen und darauf ein System praktischer Politik zu konstruieren. Das tägliche Leben in Erez Israel zeigt uns, wie wenig uns damit gedient ist, wenn wir den Aufbau nach bekanntem Muster systematisieren, ohne dabei die besondere psychische Art des jüdischen Volkes in Betracht zu ziehen. Dabei stoßen wir gleich auf eine Fülle von Schwierigkeiten. Unsere Erfahrungen in Erez Israel lassen: es mindestens als zweifelhaft erscheinen, ob das jüdische Volk wirklich in besonders reichem Maße kaufmännische Begabungen aufweist. Wenn das wäre, müßten wir mehr davon bei uns spüren. Wir haben in Erez Israel im Gegenteil oft den Eindruck, daß es den Juden gerade an solchen Persönlichkeiten fehlt, die kaufmännischen Blick und Instinkt mit der Fähigkeit verbinden, eine wirtschaftliche Situation und" ihre entfernten Möglichkeiten klar abzuschätzen, ein Unternehmen von kleinen Anfängen langsam und sicher aufzubauen. Die kaufmännische Begabung des Juden, zumindest des typischen Einwanderers nach Erez Israel, scheint viel mehr eine händlerische zu sein, die zwar den Vorteil der Stunde ausgezeichnet erfassen kann, deren: konstruktives Vermögen aber sich im Spekulativen erschöpft. Dazu kommt als besonders auffallende Erscheinung die geringe Verbundenheit des Juden mit seinem Beruf. Man wird nicht allzuoft bei einem Juden „Berufsstolz" finden,, er ist vielmehr fast immer geneigt, einen Beruf mit einem anderen, aussichtsreicheren.