Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 13 (1930)
- Issue
- Heft 3 (März 1930)
- Article
- Eine jüdische Kinderrepublik in Palästina
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
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angewiesen bleiben, an denen nur ein spezieller Typ von Jugendlichen Anteil nehmen kann, die anderen aber beiseitestehen müssen. In der „Kwuzah" hat jedes Mitglied die Möglichkeit, der Gemeinschaft etwas zu geben. Jede handwerkliche Veranlagung, jede hauswirtschaftliche Fähigkeit dient zur Bereicherung der Gemeinschaft, hilft mit am Bau des gemeinsamen Werkes. Jede wirkliche Arbeit im Dienste der Gemeinschaft hat gleichen Wert. Derjenige, der die Jauchegrube reinigt, dient ihr nicht weniger als der Vortragende, der am Abend ein Referat hält. Besonders interessieren dürfte die Frage der Koedukation, die in Westeuropa eines der schwierigsten Probleme der Erziehung darstellt. Demgegenüber klingt es fast unglaublich, daß das Zusammenleben von Mädchen und Jungen im Alter von 15 bis 18 Jahren in sexueller Beziehung mit so wenig Komplikationen verbunden sein kann, wie in Ben Schemen. Wenn dort eine solch wünschenswert saubere Atmosphäre herrscht, so ist das nicht nur dem erzieherischen Einfluß des Kinderdorfes zuzuschreiben, sondern das Resultat des in der ländlichen Arbeiterschaft Palästinas herrschenden Geistes. Eine ernste, verantwortungsvolle Beziehung der Geschlechter gehört einmal zum Lebensstil einer Generation, die für die heutige palästinensische Jugend das Ideal darstellt, ebenso wie dazu gehört, keine modernen Tänze zu tanzen, sehr einfach gekleidet zu gehen und schon das Tragen von Kragen und Schlips als snobistische Fatzkerei anzusehen. Noch andere Einflüsse sind natürlich mitbestimmend. Die Erziehung in der Idee der „Kwuzah" und das Leben in ihr führt dazu, manche libidinösen Triebe, die sonst einem zweiten Individuum gelten würden, der Gemeinschaft zuzuführen. Das Liebesobjekt ist keine Einzelperson, sondern ein Kollektivum. In der „Edah", der Dorfgemeinde, die alle Erwachsenen von Ben Schemen umfaßt, werden alle Angelegenheiten des Dorfes behandelt, die Arbeit eingeteilt usw. Die Stellung zur Berufsfrage ist in dem Kreis der Jugendlichen eine durchaus einheitliche. Die Skala der Wertungen sieht so aus: Obenan Landwirt („Kwuzah"), dann folgt Pflanzer, Handwerker, Beamter, zuletzt Kaufmann. Was wird nun aus den Zöglingen von Ben Schemen, wenn sie ihre Ausbildung als Ackerbauer, Gärtner, Schweizer, Tischler usw. beendet haben? Nach den bisherigen Erfahrungen treten die meisten als Genossen einer Arbeitersiedlung bei, einige Mädchen werden Pflegerinnen und hauswirtschaftliche Angestellte in gemeinnützigen Organisationen, wie dem Säuglingsheim in Jerusalem usw. Am Sederabend treffen sich alle entlassenen Zöglinge in Ben Schemen, das ist eine schon zur Tradition gewordene schöne Sitte, man sitzt zusammen, erzählt seine Er-