Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 13 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Article
- Politik. Von Dr. Ernst Simon, Jerusalem.
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 57 (sequence 5)
- Language
- German
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immer unabweisbarer geworden; ihr wird die vereinigte Arbeiterpartei, die nun den bei weitem größten politischen Block im Lande darstellt, weit besser begegnen können als vorher die einzelnen Parteien. Noch ein anderes aber ist wichtig und vielleicht wichtiger: Palästina zeichnete sich stets unter allen kapitalistischen Ländern, zu denen es natürlich gehört, dadurch aus, daß im Bewußtsein der Mehrheit seiner Bewohner die Arbeiterschaft der führende Stand war. Dies hätte ökonomisch und politisch zur Folge, daß die breite, kleinbürgerliche Schicht nur zum Teil nach dem großbürgerlichen Lebensstil, zum anderen Teil aber, besonders in den intellektuellen Kreisen, nach dem proletarischen Lebensstil hin tendierte. Während also etwa sich der bessere sozialdemokratische Arbeiter in Mitteleuropa, vielleicht mit Ausnahme Österreichs, geschmeichelt fühlt, wenn man ihn für einen Kleinbürger hält, schätzt sich der palästinensische Kleinbürger in vielen Fällen froh und glücklich, wenn ihn die Arbeiterschaft als einen der ihren anerkannt. Diese Einstellung, die von ungeheurer Wichtigkeit für die Anziehungskraft des Landes und damit auch für seine politisch-ökonomischen Möglichkeiten ist, drohte unter der Übermacht der ihr entgegenstehenden ökonomischen Tatsachen verlorenzugehen. Die Vereinigung der Arbeiterschaft hat ihr zweifellos einen neuen Antrieb gegeben und die für den Zionismus natürliche, ökonomisch widernatürliche Rangordnung von neuem hergestellt, in der sie an der Spitze marschiert. Weniger positiv als die Tatsache der Vereinigung selbst können die Verhandlungen gewertet werden, die auf der Vereinigungskonferenz nicht über diese längst schon beschlossene Sache, sondern über die Gesamtlage des Zionismus, über Araberproblem und Jewish Agency geführt wurden. So groß die innenpolitische Schulung unserer Arbeiterschaft ist, so gering erscheint ihre außenpolitische Schulung; selbst ein sehr gemäßigtes, aber konstruktives Programm Bin Gurions zur Araberfrage, das er in dreistündiger Rede in geschlossener Sitzung vortrug, stieß auf die ablehnende Stimmung der überwältigenden Majorität. Auch in einem anderen, heute aktuellen Problem, dem gleich noch einige besondere Worte gewidmet werden sollen, mußte die Stellungnahme der weitaus meisten Redner der Konferenz Verwunderung erregen: in der Frage des Zusammenarbeitens der zionistischen mit der nichtzionistischen Hälfte in der Jewish Agency. Fast sämtliche Teilnehmer an den Debatten nahmen hierzu Stellung, und fast alle mit so harten Tönen der Verzweiflung und Ablehnung, daß von ihnen der Rückweg zu der aktiv agency-freundlichen Politik der Arbeiterparteien vor Zürich historisch-psychologisch kaum zu finden ist. Man versteht natürlich, daß gerade das Kollektivwerk der Arbeiterschaft am meisten unter dem erschreckenden Versagen des Keren Hajessod in den letzten Monaten zu leiden hat, das wiederum mit dem vorläufigen Aussetzen der amerikanischen Agency-Kreise zusammenhängt, aber die daraus und auch aus politischen Enttäuschungen resultierende Erbitterung dürfte nicht die politisch^ Linie verderben, die wir nun einmal gewählt haben und von der es kein Zurück gibt. Der Konflikt in der Agency. Noch in anderer Beziehung haben die Meinungsverschiedenheiten zwischen Warburg und Weizmann, zwischen New York und London auf Palästina zurückgewirkt: in der Neuordnung des zentralen Hilfsfonds, des „Keren Häsra", der bislang der zionistischen Exekutive allein unterstand und nun, auf Drängen der Nichtzionisten, einer dreigliedrigen Leitung übergeben worden ist, in der Kisch als Vertreter der Exekutive, Rutenberg als Vorsitzender des Waad Leumi und der in Palästina eingetroffene Dr. Hexter als Vertrauensmann der nichtzionistischen Agency- Hälfte sitzen. Besonders bemerkenswert dabei ist die Konstellation, die offenbar die nichtzionistische Agency mit dem palästinensischen Jischuw gegen die Zionistische Exe-