Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 13 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Article
- Politik. Von Dr. Ernst Simon, Jerusalem.
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 3)
- Language
- German
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mußten, ein sehr unruhiges Element sind; wir wissen auch, daß nationale Aufstände bei Völkern, die sich kolonial unterdrückt fühlen und die kein normales Heer besitzen, stets zu Greueltaten gegen die Zivilbevölkerung führen, aber wir können trotzdem die völlige Strafloslassung eines Verbrechens, wie des in Moza geschehenen — und mit Hebron steht es nicht viel anders — weder aus moralischen noch aus politischen Gründen gutheißen. Alle die von uns angeführten Argumente sollen ihr Gewicht in die Waagschale des Urteilsspruches werfen, aber sie dürfen die Auffindung der Täter nicht beeinflussen oder gar unmöglich machen. Sonst wird die Anarchie zum gesetzlichen Zustand proklamiert und jede Möglichkeit einer aktiven und konsequenten Verständnispolitik ebenso erstickt wie durch ein etwaiges drakonisches Regiment, von dem wir ja allerdings, Gott sei Dank, sehr weit entfernt sind. Vielleicht hat die palästinensische oder die englische Regierung diese Unzulänglichkeit der Polizei, die auch aus den Aussagen Lukes und vieler Polizeioffiziere vor der Untersuchungskommission hervorging, nunmehr eingesehen: ihre dauernde systematische Verstärkung und die Ernennung eines auswärtigen Reorganisators sprechen dafür. Die arabische Nationalbewegung selbst ist jedenfalls noch weit entfernt von der sittlichen Höhe Gandhis, der sich allerdings mit seinem Protest gegen das Attentat auf den englischen Vizekönig selbst nur gegen eine sehr starke Opposition mühsam durchsetzen konnte. Immerhin zeigt sie in den letzten Monaten nicht nur, wie schon besprochen, große organisatorische, sondern auch gewisse ideologische Fortschritte. Diese kommen vor allem zum Ausdruck in dem betonten Interesse, daß die Araber Palästinas, die bekanntlich als die zurückgebliebensten beinahe aller arabischen Stämme angesehen und z. B. von den Ägyptern einigermaßen verächtlich behandelt werden, an den Vorgängen in den arabischen Nachbarländern Interesse nehmen. So wurde z. B. für den so tragisch (durch Freitod) ums Leben gekommenen Ministerpräsidenten des Irak eine Trauerfeier in der Omarmoschee veranstaltet, bei der fast alle nationalen Führer anwesend waren. In der gleichen Linie liegen Sympathiekundgebungen, die nach dem überwältigenden Wahlsiege des ägyptischen „Wafd" nach Kairo übermittelt wurden, ohne übrigens dort auf eine allzu sichtbare Gegenliebe zu stoßen. Im Sinne dieser erstrebten arabischen Einheit planen die Araber Palästinas diesmal die Entsendung mehrerer politischer Delegationen, eine in die arabischen Länder und eine zweite, trotz allem wichtigere, nach London. Über ihre Zusammensetzung hat es ziemlich heftige Auseinandersetzungen im arabischen Lager gegeben, die eine Zeitlang beinahe zu einer Spaltung zu führen drohten; dabei tauchten sowohl die alten Familiengegensätze zwischen den Naschaschibi und den Husseini wie auch die religiösen Gegensätze zwischen Mohammedanern und Christen wieder auf. Es scheint aber nun gelungen zu sein, alle wesentlichen Führer und die Vertreter beider großen Familien — eine dritte, an sich nicht minder einflußreicher, hält sich schon seit langem vollkommen im Hintergrund — in der Kommission zu vereinigen, der sowohl der Großmufti wie der Bürgermeister von Jerusalem, Rhagib Naschaschibi, angehören werden. Diese letzte Tatsache hat bei den Juden besondere Erbitterung hervorgerufen, da Rhagib gerade ihr Kandidat war und nur mit Hilfe der jüdischen Stimmen gegen die ihm feindlichen Husseini zum Stadtoberhaupt gewählt werden konnte. Hierbei darf aber nicht vergessen werden, daß eine sehr unkluge jüdische Kommunalpolitik in Jerusalem, die das Zünglein an der Waage zwischen den beiden arabischen Gruppen sein wollte und sich auf diese Weise zwischen zwei Stühle setzte, eine Annäherung der konkurrierenden Familien schon lange vor den Unruhen unfreiwillig gefördert hat. Auch hier ist also mit bloßer Erbitterung wieder einmal gar nichts getan. Im ganzen muß man sagen, daß die arabische Einheit die Feuerprobe dieser Delegationszusammensetzung bestan-