Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 12 (1929)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1929)
- Article
- Die Bedeutung Palästinas für die Juden
- Date
- 1929-12-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2379786-2379874-2379882-2390309--09840-2390476- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
größer ist die Zahl derjenigen, die die Größe der Gefahr nicht sehen. Weil es sich hierbei nicht um plötzlich eintretende Erscheinungen handelt, die dem Beobachter einen Schok versetzen, sondern um Erscheinungen, die aus kleinen Anfängen langsam zu großem Umfange anwachsen, hat man Zeit, sich an diese Erscheinungen zu gewöhnen und sich damit zu trösten, daß das, was in der Vergangenheit dem Judentum keinen tödlichen Streich versetzt hat, es auch in der Zukunft nicht tödlich treffen kann. Aber die Gefahr hat eben heute einen ganz anderen Umfang und Charakter angenommen als früher. Was könnenwir zur Abwehr dieser Gefahr tun? Für uns Zionisten ist es klar, daß die Diaspora aus sich heraus nicht die Antitoxine schaffen kann, die gegen die Einwirkungen der Assimilation schützen können. Unter den Stößen der starken fremden Kulturen muß das jüdische Leben hier zwangsmäßig Form und Inhalt von den umgebenden Kulturen bekommen. Es werden ihm keine eigenen Werte bleiben, die zu seinem Weiterbestand inmitten einer feindlichen Umwelt genügen. Nur abseits von der großen Heerstraße der christlichenKultur, in einem Lande, mit dem wir uns historisch verbunden fühlen und das alle ins Unterbewußtsein gesunkenen jüdischen Gefühle wieder aktiviert, in einem Lande, in dem unsere Kinder von frühester Jugend an die Sprache der Bibel sprechen und ihren Geist durch sie formen, kann ein jüdisches Leben entstehen, das stark genug ist, die Wirkungen fremder Kulturen zu überwinden und darüber hinaus warmes jüdisches Blut auch in die Adern der Diaspora zu fördern. Es scheint mir ein bedeutungsvolles Zeichen zu sein, daß Juden, die neuerdings nach Sperrung der Vereinigten Staaten zum erstenmal in südamerikanische Länder gelangt sind, für ihre Kinder Lehrer aus Palästina berufen und hebräische Kindergärten und Schulen eröffnet haben. Ihr Instinkt sagt ihnen anscheinend, daß ihnen in ihrer Vereinzelung der Anschluß an Palästina der beste Schutz gegen den Verlust ihres Judentums ist. Auch in europäischen Ländern mit einer kleinen jüdischen Bevölkerung, wie z. B. Finnland, Estland, Lettland, suchen die Juden durch engen Anschluß an Palästina und durch Pflege der hebräischen Sprache die Gefahr der Entjudung zu bekämpfen. Aber damit, daß wir, Zionisten, die Errichtung einer nationalen jüdischen Heimstätte als den einzigen Ausweg aus den Gefahren ansehen, ist das Problem praktisch noch nicht gelöst. Die Zahl der Juden in Palästina beträgt heute nur 160.000, das heißt nur 1% aller Juden der