Mannheim
Compact Memory

Palästina · 1929-12-01 · Heft 12 (Dezember 1929) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Palästina
Volume
12 (1929)
Issue
Heft 12 (Dezember 1929)
Article
Die Bedeutung Palästinas für die Juden
Date
1929-12-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
100% known words query
IRI
…/2379786-2379874-2379882-2390309--09836-2390472
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

also nicht mehr das jüdische Leben, sondern das Mysterium des Todes, das viele Juden noch beim Judentum festhält. In Deutschland besteht eine heftige Diskussion darüber, ob Mischehe, Taufe und Geburtenrückgang bereits die Vorboten des Unterganges der deutschen Juden sind oder nicht. Eine kürzlich einberufene Konferenz in Berlin war ausschließlich diesen Fragen gewidmet. Hier wie überall bei der Bewertung sozialer Vorgänge kommt es darauf an, von welchem Standpunkt man die Dinge sieht. Wenn fünfzig Jahre nach der gesetzlichen Zulassung der Mischehe in Deutschland jeder fünfte Jude — in den größten jüdischen Gemeinden Berlin, Hamburg, Köln sogar jeder dritte bis vierte Jude — eine Mischehe eingeht, so ist das ein hoher Prozentsatz für den, der sich klar macht, daß vor fünfzig Jahren dieser Prozentsatz fast Null war. Aber natürlich kann sich ein Optimist damit trösten, daß immerhin die Spanne bis zu 100% noch weit ist. Dasselbe gilt in bezug auf die Taufe. Auf je 1000 Juden entfallen in Deutschland jährlich nur ein bis zwei Täuflinge. Das ist an sich eine geringe Ziffer. Aber wenn sie ein Menschenalter hindurch anhält, so kommt es doch darauf hinaus, daß jeder zehnte Jude in Deutschland aus dem Judentum austritt. In Holland hat die Mischehe eine solche Verbreitung gewonnen, daß einige Rabbiner im vorigen Jahre allen Ernstes erwogen, die Juden, die Mischehen eingehen, mit dem Cherem zu belegen. Sogar in den Vereinigten Staaten, wo unter der osteuropäischen Einwanderern die Mischehe vor dreißig Jahren unbekannt war, kommen heute in der zweiten Generation bereits zahlreiche Mischehen mit Italienern und anderen Einwanderergruppen, aber auch mit altansässigen Amerikanern vor. Gar nicht zu reden von den Verhältnissen in Ländern, wo die Juden in kleiner Zahl seit langem wohnen und wohlhabend geworden sind, wie Italien, Dänemark, Australien. Hier ist die Mischehe unter ihnen fast zur Regel geworden. Die Verluste durch Mischehe und Taufe sind eine um so ernstere Gefahr, als sie von einem starken Geburtenrückgang begleitet sind. Der Geburtenrückgang durch gewollte Beschränkung der Kinderzahl ist zwar im letzten Jahrhundert bei allen Völkern mit fortgeschrittener Kultur zu beobachten. Aber da er sich in den Städten und in den gebildeten Schichten am stärksten zeigt und die Juden gerade hier besonders zahlreich sind, so hat er nirgends einen so katastrophalen Umfang angenommen wie bei den Juden in Mittel- und Westeuropa. In der Zeit von 1841 bis 1866, also in der Generation unserer Großväter, entfielen auf 100 Juden in Preußen jährlich 35 Geburten, im Jahre 1926 dagegen nur noch 12, bei den Christen immerhin noch 21. Die Sterblichkeit ist bei den Juden nicht in demselben Maße zurückgegangen wie die Geburtenziffer. Deshalb können die Juden, deren hohe Fruchtbarkeit früher sprichwörtlich war und ihnen trotz aller

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.