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Palästina · 1929-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1929) · p. Seite 50

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Journal
Palästina
Volume
12 (1929)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1929)
Article
Politik. Von Dr. Ernst Simon, Jerusalem.
Date
1929-10-01
Page
Seite 50 (sequence 3)
Language
German
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ist aber in Palästina ganz besonders ausgeprägt. Hier stehen wirklich Altertum, Mittelalter und Neuzeit noch fast unmittelbar nebeneinander, und zwar nicht nur, wie man häufig denkt, auf die beiden Völker aufgeteilt, sondern sie beide, wenn auch nicht gleichmäßig, durchdringend. Dies zeigte sich auch bei der zweiten Ursache für die Lage, die wir nun zu erörtern haben, der völligen Vernachlässigung der arabischen Politik seitens der Zionistischen Exekutive, die über phrasenhafte und daher folgenlose Resolutionen nicht hinaus kann. Im Gegenteil wurde, wie in früheren Berichten an dieser Stelle wiederholt gezeigt werden mußte, den Arabern immer wieder bewiesen, wie wenig uns an wirklich praktischer Zusammenarbeit mit ihnen liegt: die arabische Forderung eines Parlaments, die unter türkischer Herrschaft bereits erfüllt gewesen war, wurde durch Obstruktion gestört, statt durch einen konstruktiven, unsere Lebensnotwendigkeiten berücksichtigenden Gegenentwurf zugleich gefördert und umgestaltet; die (an sich berechtigte) Forderung der jüdischen Arbeit wurde in eine Form gekleidet, die dem Boykott arabischer Arbeit sehr ähnlich war, ohne daß der Versuch gemacht worden ist, auch hier planmäßig ausgleichend zu wirken; Möglichkeiten administrativer (Städtekonferenz) oder wirtschaftlicher (Tel-Aviver Messe) Zusammenarbeit wurden nicht nur nicht ausgenutzt, sondern durch Brüskierung arabischer Einladungen oder Empfindungen in ihr Gegenteil verwandelt. Die politischen Ansatzpunkte zur Aufklärung über die friedlichen Aufbauziele des Zionismus, die in der arabischen Abteilung bei der Exekutive und der Herausgabe einer arabischen Zeitung bestanden hatten, fielen der (an sich gleichfalls berechtigten) großen Sparaktion zum Opfer; anderseits machte sich die Propaganda des Keren Kajemeth immer lärmender breit, ohne in ihren Mitteln zwischen jüdischen Lesern in Warschau und arabischen in Palästina zu unterscheiden. Diese Propaganda schuf sich eine eigene Terminologie, die objektiv den Nationalhaß schüren mußte: das Schlagwort der „Erlösung des Bodens" hat in Palästina selbst einen scharf offensiven Klang; die Bezeichnung der Araber als „Fremde", wie sie selbst auf solche Städte angewandt wurde — und noch heute wird! — die eine arabische Majorität haben, ist noch viel unerträglicher, als wenn sie von deutschen Antisemiten gegen ihre jüdischen Mitbürger gebraucht wird. Dies alles schuf eine immer steigende Entfremdung, der auch unsere Kulturarbeit, vielleicht mit Ausnahme von Universität und Bibliothek, kaum entgegenarbeitete: auf unseren Volksschulen wird gar nicht, auf den Mittelschulen ungenügend arabisch gelehrt. Wir leben in diesem Lande wie auf einer hebräischen Insel, oder, um die Überschrift eines warnenden Artikels zu wiederholen, den ich etwa acht Wochen vor den Ereignissen in der „Jüdischen Rundschau" veröffentlicht habe, im „palästinensischen Getto". Nun hat uns das erste Wehen eines großen weltgeschichtlichen Sturmes hoffentlich recht gründlich aufgeschreckt. Wir sagten vorhin, daß auch in dieser zweiten Ursache für die Unruhen das Problem der Vielzeitigkeit enthalten sei. Dies gilt in mannigfacher Abwandlung. Einmal für die jüdische Gruppe selbst, die heute in ihrer großen Masse, zu der die meisten politischen Führer in diesem Sinne bedingungslos und repräsentativ zu zählen sind, der primitiven Nationalbewegung des neunzehnten Jahrhunderts angehört, die, mit der für jüdische Dinge typischen Verspätung, uns erst zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts voll getroffen hat und die neuen Bundesgenossen von der Jewish Agency teilweise sogar erst jetzt erreicht. Für all diese in einem reaktionären Sinne „unzeitgemäßen" Zeitgenossen ist nationale Politik mit nationalem Egoismus identisch; sie stellen sich den internationalen Zusammenhang immer noch lediglich als ein „Spiel der Kräfte" vor — viel mehr repräsentiert der Völkerbund ja denn

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