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Palästina · 1929-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1929) · p. Seite 49

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Journal
Palästina
Volume
12 (1929)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1929)
Article
Politik. Von Dr. Ernst Simon, Jerusalem.
Date
1929-10-01
Page
Seite 49 (sequence 2)
Language
German
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F.ffendis und Schuldherren, die ihn restlos in der Zange eines feudalen Grundverhältnisses halten, nur allzu gerne vortäuschen läßt, daß er durch Rauh und Plünderung bei den Juden viel gewinnen könne. Zu all dem kommt noch die Tatsache, daß ein sehr erheblicher Teil der Bevölkerung Palästinas, insbesondere im Süden, noch heute aus nicht fest ansässigen Nomaden besteht, deren Neigung zu unregelmäßigem Kriegerleben natürlich größer ist als die des Fellachen, der wiederum den (oft christlichen) arabischen Stadtbewohner in seiner Kampfbereitschaft übertrifft. Die Meinung des Referenten, der dem Brith Schalom angehört, ist dahin zu kennzeichnen, daß er jede Bagatellisierung des Aufstandes, als nur religiös oder nur wirtschaftlich oder gar nur von Räuberinstinkten bedingt, für ebenso falsch wie gefährlich hält. Es handelt sich um einen nationalen Aufstand, freilich in der Form, die allein er im vorderen Orient des besonders primitiven arabischen Palästinas annehmen konnte und in verhältnismäßig begrenzter Ausdehnung. Das heißt im einzelnen: die auf dem letzten arabischen Nationalkongreß hergestellte Einheit zwischen mohammedanischen und christlichen Arabern ist während der Überfälle kaum praktisch geworden, da die christlichen Araber sich beinahe nirgends an den Tätlichkeiten beteiligt haben (während sie sich anderseits mit an die Spitze der Boykottbewegung stellen, die heute, als eine der gefährlichsten Nachwirkungen des Aufstandes, das wirtschaftliche Gedeihen des Landes gefährdet). Diese Zurückhaltung der Christen hängt wiederum damit zusammen, daß die arabischen Führer zur Aufpeitschung ihrer Massen einen religiösen Vorwand brauchten: die angeblichen Absichten der Juden auf die Omarmoschee, ein Vorwand, der übrigens durch unrichtig formulierte Äußerungen vom Bau des dritten Tempels unnötigerweise Nahrung erhalten hat. Aus dieser Tatsache darf man aber nicht, wie es vielfach in bagatellisierender Absicht geschieht, den Fehlschluß ziehen, als sei die Bewegung in ihrem Kern tatsächlich eine religiöse und keine nationale. Aus zwei Gründen nicht: einmal, weil dem mohammedanischen Araber im primitiven Palästina ebensowenig wie dem Juden alten Schlages Religion von seinem Volkstum trennbar ist: Mohammed ist ihm, und historisch mit Recht, nicht nur der Prophet Allahs, sondern auch der Einiger und Kriegsfürst der arabischen Stämme, die Omarmoschee nicht nur ein moslemisches, sondern ein gesamtarabisches Heiligtum, das vielleicht sogar für den christlichen Araber den Rang eines nationalen Symbols hat. Der zweite Grund, der uns verbietet, die religiöse Motivierung des Aufstandes gegen die nationale gleichsam auszuspielen, entspringt einer Erwägung über die Beziehungen der Führer zur Masse. Wir sind immer geneigt, nur die uns bekannte demokratische Führer—Masse—Beziehung als legitim anzusehen, höchstens noch die aus ihr kontradiktatorisch erwachsene der Diktatur eines einzelnen oder einer Klasse. Der Zionismus hat uns nun aber einmal in eine Welt gesetzt, in der diese Beziehung noch weitgehend in den mittelalterlichen Formen des Feudalismus verläuft. Die Führer, die von den feudalen Mitteln Gebrauch machen, um sich ihre Gefolgschaft zu sichern, haben nun aber zum großen Teil durchaus moderne Zielsetzungen, von denen an erster Stelle die arabische National- und Einheitsbewegung steht. Alle Minimalisten in der Beantwortung der Frage nach der wahren Ursache der Unruhen verwechseln einfach das (nationale) Ziel mit den (religiösen) Mitteln zu seiner Erreichung oder mit den (wirtschaftlichen) Bedingungen, ohne die es zwar auch, aber nicht in dieser Form vorhanden wäre. Diese Analyse hat eine höchst merkwürdige Erscheinung berührt, die man den „Polychronismus" Palästinas, seine Vielzeitigkeit nennen könnte. Derartiges besteht natürlich überall in der Welt und macht sogar die eigentliche Struktur der Geschichte aus, obwohl die eindeutig sinngebenden Geschichtsphilosophen das meist vergessen,

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