Mannheim
Compact Memory

Palästina · 1929-07-01 · Heft 7-9 (Juli 1929) · p. Seite 77

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Palästina
Volume
12 (1929)
Issue
Heft 7-9 (Juli 1929)
Article
Politik. Von Dr. Ernst Simon, Jerusalem.
Date
1929-07-01
Page
Seite 77 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2379786-2379874-2379880-2389732--09477-2389949
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

einer eigenen Liste nicht hervor, ist aber durch ihm angehörige oder nahestehende Kandidaten sowohl beim Misrachi wie bei den allgemeinen Zionisten und den Arbeitern vertreten. Immerhin reichte deren Einfluß nicht aus, um eine Behandlung der Araberfrage, noch dazu etwa im Sinne des Brith Schalom, in den verschiedenen Aufrufen zu erwirken. Eine weitere Erscheinung des Wahlkampfes ist die auch in anderen Ländern zu beobachtende Tatsache, daß die kleine demokratische Mittelgruppe, die ja nur höchst selten einen eigentlichen Stand vertritt und meist aus „freischwebenden Intellektuellen" zusammengesetzt ist, demungeachtet, oder vielleicht gerade deshalb, eine unverhältnismäßig große Resonanz in der Presse besitzt. Es ist nicht ganz zufällig, daß der Chefredakteur der führenden bürgerlichen Tageszeitung Palästinas, Dr. Glücksohn vom „Haaretz", der eigentliche Spitzenkandidat der demokratischen Gruppe war und in seinem Blatte natürlich vor allem deren Wahlkampf führte. Die Presse ist eben ein Monopol der Demokratie, und zwar eines der „Demokratie" im engeren Parteisinne. Man darf aber hinzufügen, daß in der intellektuellen Rechtschaffenheit, die diese etwas wurzellose Schicht oft auszeichnet, zugleich ein Gegenmittel beschlossen ist: die Demokraten verstehen kaum in einem Lande mehr zu siegen, aber sie verstehen würdig zu unterliegen und besitzen mindestens darin einen beispielhaften Wert für die großen Interessengruppen, die sich von rechts und links immer mehr einengen.. Das muß man auch dem „Haaretz", insbesondere seinem Verhalten nach der Wahl, nachrühmen. Bevor wir uns aber den Ergebnissen des Wahlkampfes, die wir eben schon kurz gestreift haben, vollends zuwenden, sei noch einer letzten allgemeinen Erscheinung gedacht: des merkwürdigen Bündnisses der Revisionisten mit den orientalischen Gemeinden (außer den Jemeniten). Es handelt sich hier nicht etwa um eine wirkliche innere Verbundenheit seitens der Revisionisten mit den „arabischen Juden" oder um eine Anerkennung des revisionistischen Programms seitens der sephardischen Massen, sondern einfach um die geschickte Ausnutzung einer mehr psychologisch als politisch begründeten Situation. Die Sephardim leiden unter ähnlichen sozialen Minderwertigkeitsgefühlen, wie sie der aus antisemitischen Ländern stammende europäische Jude nur zu gut kennt; sie fühlen sich durchaus als Abgetrennte, und zwar als benachteiligte Minorität, die ständig um ihre Gleichberechtigung kämpfen muß. Deshalb sind sie verhältnismäßig sehr leicht an die Wahlurne zu bekommen, obwohl ihnen eigentliche politische Schulung, die sonst die Vorbedingung starker Wahlbeteiligung zu sein pflegt, häufig noch abgeht und ja auch, infolge ihrer meist noch ganz kürzlichen Loslösung aus der zivilisatorisch tiefstehenden arabischen Umgebung, abgehen muß. Für sie ist die Demokratie und die Wahlmöglichkeit aber noch das erste schöne Geschenk der (leider!) heiß erstrebten Europäisierung, ein Geschenk freilich, das sie, ganz ähnlich wie die neuen asiatischen Parlamente, zur Erzwingung weiterer Rechte gebrauchen wollen. Diesen ziemlich komplizierten Zusammenhang haben die palästinensischen Revisionisten klug erkannt und sich zunutze gemacht, leider aber nicht nur durch allerlei Wahlversprechungen, sondern auch durch Ausstellung gefälschter Identitätspapiere an zahlreiche, des Lesens und Schreibens unkundige sephardische und babylonische Lastträger usw. Diese recht skandalösen Vorgänge haben, trotz des turbulenten Widerspruches des Doar Hajom und der revisionistischen Vertreter in der Hauptwahlkommission, diese dazu veranlaßt, die Wahlen in einem ganzen Jerusalemer Bezirk für ungültig zu erklären: möglicherweise wird sich auch die Mandatsprüfungskommission des Kongresses noch mit der Angelegenheit zu befassen haben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.