Mannheim
Compact Memory

Palästina · 1929-07-01 · Heft 7-9 (Juli 1929) · p. Seite 32

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Palästina
Volume
12 (1929)
Issue
Heft 7-9 (Juli 1929)
Article
Mittelstands-Darlehenspolitik in Erez Israel
Date
1929-07-01
Page
Seite 32 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2379786-2379874-2379880-2389726--09422-2389904
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

untersuchen nicht hierher gehört, konzentrieren sie sich im wesentlichen auf Handwerk und Zwischenhandel. Infolge der maßlosen Überfüllung dieser beiden Berufsgruppen findet in ihnen ein dauernder Berufswechsel statt, der zu einer typischen Erscheinung geführt hat: der Sucht und der daraus entstehenden Fähigkeit des osteuropäischen Juden, die jeweils beste Erwerbschance zu finden. Dieser Jude hängt nicht am Beruf, sondern an der „Parnosse". Da er für keinen Beruf genügend vorgebildet ist, steht ihm jeder offen, und kann ihn keiner genügend ernähren. Er wechselt auf der Linie des geringsten Widerstandes oft sein ganzes Leben lang von einem Beruf zum anderen, hat oft mehrere zur gleichen Zeit, aber alle in verkümmerter Form. Derjenige Beruf wird ergriffen, der die geringste Schwierigkeit und die beste Chance bietet. Das ist der Zwischenhandel. Und das ist der Typ des Juden, der das Hauptkontingent der Einwanderer bietet. Die andere Schicht der Einwanderer nach Tel-Aviv, die aus Jemen, Nordafrika, Mesopotamien, Persien usw. kommende, unterscheidet sich in ihrer sozialen Struktur von der osteuropäischen nur graduell. Auch dieser Einwanderer ist auf die Chance .eingestellt und seiner Wirtschaftstendenz nach ein Händler. In ein armes, unentwickeltes Land mit sehr geringem Eigenkapital und auf .einem vorkapitalistischen Wirtschaftsniveau kommen Einwanderer ohne besondere produktive Fähigkeiten, mit sehr wenigem oder gar keinem Kapital und mit vorkapitalistischen Wirtschaftsbegriffen. Diese Tatsache ist bekannt und oft kritisiert worden, und es fehlt nicht an Reformvorschlägen. Man verlangt eine starke Kontrolle der Einwanderung, es gibt Bestrebungen, die jüdische Ansiedlung im wesentlichen auf den orientalischen Einwanderer aufzubauen, der mit seinem geringen Standard sich wirtschaftlich im Lande leichter zurechtfinden kann als der europäische. Viel geholfen wäre damit nicht. Natürlich sollte die Einwanderung so geregelt sein, daß möglichst geeignete Elemente in das Land kommen, zu mindestens Ungeeignete ferngehalten werden. Aber alle unsere Einwanderer, auch die geeigneten, sind im wesentlichen Menschen mit krämerischen Wirtschaftsneigungen und krämerischen Fähigkeiten. Wirkliche Landarbeiter, Schwerarbeiter, Bauern, durchgeschulte Handwerker, richtige Fabrikanten (nicht Fabrikbesitzer) kommen ebensowenig wie Kapitalisten. Wir müssen mit dem Einwandererelement, über das wir einmal nun verfügen, ebenso vorliebnehmen wie mit dem Land. Ebenso wie wir aus den Bedingungen des Landes heraus wirtschaften müssen, um zu reüssieren, ebenso müssen wir mit der Beschaffenheit der Einwanderer rechnen, wenn wir nicht bankrottieren wollen. Sicherung der Gegenwart — Vorbereitung der Zukunft. Das aber heißt, daß für Planwirtschaft, die auf Grund bekannter theoretischer Voraussetzungen und normaler Wirtschaftsgesetze bestimmte Forderungen für den Wirtschaftsaufbau stellt, zumindest in der Stadt vorderhand wenig Platz ist. Um so mehr haben wir uns an die spezifischen Gesetze dieser Einwanderung zu halten. Der jüdische Einwanderer, der ins Land kaum Kapital und sehr wenig produktive Fähigkeiten mitbringt, verfügt über zwei Aktivposten, die diesen Mangel auszugleichen haben. Der eine ist die oben erwähnte Fähigkeit der Chance. Sie macht den Einwanderer „wendig", bindet ihn nicht an ein und denselben Beruf auch dann, wenn er aussichtslos wird, läßt ihn Möglichkeiten finden, an denen der darauf nicht Eingestellte achtlos vorübergeht. Es ist eine ausgesprochene Zwischenhändlerfähigkeit. Das andere Aktivum bildet das stark entwickelte Gemeinschaftsgefühl .des Juden, die jüdische Solidarität, die einen für den anderen einstehen läßt. Der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.