Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 12 (1929)
- Issue
- Heft 2-3 (Februar 1929)
- Article
- Politik. Von Dr. Ernst Simon. Jerusalem.
- Date
- 1929-02-01
- Page
- Seite 56 (sequence 5)
- Language
- German
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war, längere Zeit vergeblich gegen diesen Oktroi gewehrt hatte, wurden schließlich, etwa vor einem Monat, die Neuwahlen auf der gegebenen Grundlage abgehalten. Sie ergaben eine Zweidrittelmajorität der verschiedenen bürgerlichen Parteien, unter denen übrigens, freilich infolge der sonderbaren Wahlbestimmungen, kein einziger Revisionist gewählt wurde, gegenüber der Arbeiterorganisation, die aber mit ihren fünf Mitgliedern an und für sich die größte Partei in dem sehr zersplitterten Parlament ist. Hoffentlich wird der neue Bürgermeister, Dizengoff, der sich im Wahlkampf ausdrücklich zu einer entschiedenen Rechtspolitik bekannte und die vermittelnde Haltung der (gänzlich unterlegenen) Demokraten ausdrücklich ablehnte, keinen allzu scharfen Kurs steuern, sondern es verstehen, die wirtschaftliche Förderung der Stadt, der zunächst eine neue „Messe des nahen Ostens" und die, trotz einmaliger Absage der Regierung, immer noch nicht aufgegebene Überführung des Eisenbahnknotenpunktes von Ludd nach Tel-Aviv dienen soll, in einer Weise durchführen, die auch den gänzlich besitzlosen, dafür aber national opferbereitesten Schichten, den Arbeitern, zugute kommt. In einen sozialen Konflikt freilich konnte Tel-Aviv, durch einen glücklichen Zufall begünstigt, helfend eingreifen: es bezahlte eine alte größere Schuld an die Exekutive gerade in dem Augenblick, als ein Lehrerstreik bereits proklamiert war und nun, durch Bezahlung zweier rückständiger Monatsgehälter, glücklicherweise noch verhindert werden konnte. Freilich spielt auch in diesen Fall die Parteipolitik hinein; verlangte doch die Arbeiterorganisation, daß die Exekutive den fraglichen Betrag dazu benütze, die in Tel-Aviv befindlichen Arbeitslosen nach den judäischen Kolonien zu überführen, wo sie Beschäftigung finden können. Diese letzte Frage scheint jetzt durch eine Anleihe des Keren Kajemeth an die Exekutive gelöst zu werden, der seinerseits infolge einer 9000-£-Speiide Lord Melchets, der letzten Rate seiner 25.000 £-Zeichnung, dazu in den Stand gesetzt ist. Allerdings ist mit der bloßen Überführung der Arbeitslosen in die Kolonien und ihrer vorläufigen Beschäftigung dort noch nicht alles erledigt, vielmehr gilt es, die Arbeiter dann dauernd dort zu verwurzeln. Geschieht dies nicht, so können immer wieder so betrübliche Ereignisse eintreten, wie sie im vorigen, aber auch in diesem Jahre anläßlich der Pflückarbeit in den Orangengärten, insbesondere in P e t a c h T i k w a h, zu verzeichnen waren. Bei einer ruhigen Abwägung der Gesamtlage wird man wohl etwa zu dem Ergebnis kommen, daß eine 100%ige jüdische Arbeit sowohl aus wirtschaftlichen wie aus politischen Gründen nicht von heute auf morgen zu erreichen ist, übrigens auch gar nicht von allen Arbeiterführern gefordert wird, daß aber die heutige Prozentzahl einer ganz erheblichen Erhöhung fähig ist. Es kommt hinzu, daß die Arbeitgeber sich häufig provozierend benehmen und sich zum Teil gerade durch solche Elemente bei Verhandlungen vertreten lassen, die das Prinzip der jüdischen Arbeit nur im Munde führen, aber in ihren eigenen Betrieben davon hundertprozentig nichts wissen wollen. Die stärkste Blöße hat sich diese Gruppe gegeben, als sie den Vermittlungsvorschlag des höchst einsichtigen und wohlwollenden Distriktsgouverneurs Campbell ablehnte, ein unparteiisches Schiedsgericht zu bilden. Daß dann von der Arbeiterseite her Gewalttätigkeiten folgten, die sogar zur Zerstörung eines Hauses führten und die Anwesenheit auswärtiger englischer Polizei erzwangen, ist natürlich ebenfalls in gar keiner Weise zu rechtfertigen. Auf etwa dieser Linie der Bewertung bewegten sich auch die Resolutionen des Waad Leumi, der, verspätet wie immer, aber schließlich doch, in die Angelegenheit eingriff. Dieser höchste nationale Selbstverwaltungskörper ist merkwürdig schwerr fällig, obwohl er noch nicht einmal den gesamten Jischuw in all seinen Schattierungen