Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 11 (1928)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1928)
- Article
- Randbemerkungen zum Blaubuch
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 475 (sequence 3)
- Language
- German
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475 Arbeiterschaft zu den genossenschaftlichen Formen der Arbeit und Produktion geändert. 4. Was hat zur Entstehung der Kwuzah geführt? Wir haben keine fertigen jüdischen Bauern, Am wenigsten für die schwere Landwirtschaft, d. h. den gemischten Ackerbaubetrieb auf schwerem Boden, Auch nach Lipmans Berechnungen bildet dieser Typus 60% der Landwirtschaft Palästinas (51.000 von 84.000 Betriebseinheiten). Der Prozentsatz wird noch höher, wenn man die anbaufähigen Plateaus unseres Hügellandes sowie die Hochebene von Transjordanien hinzurechnet, auf die wir nicht verzichten können. Die Erfahrung der letzten Jahre hat immer wieder Beweismaterial dafür geliefert, daß der Jude mit etwas Kapital nicht daran denkt, sich im Emek oder sonst auf schwerem Boden niederzulassen, um ihn im Schweiße seines Angesichtes zu bebauen. Soskin hat hauptsächlich darum keine Bewerber gefunden, unsere Mittelstandskolonie in Kfar Baruch findet keine Ansiedler mit 200 Pfund Eigenkapital, die Chassidim sind in Nachlath Jakov geblieben, aber nicht ein einziger von ihnen hatte die versprochenen 200 Pfund. Der selbstarbeitende Bauer der Ackerbauzone — denn nur als Familienwirtschaft ist die gemischte Wirtschaft rentabel zu machen — kann nur aus dem Landarbeiterstande hervorgehen. Wir haben jedoch auch keine Landarbeiter. Trotz enormer Anstrengungen ist noch immer kein jüdischer Landarbeiterstand in den jüdischen Kolonien entstanden, die auf Lohnarbeit basieren. Und diejenigen, die in den Pflanzungskolonien Fuß fassen, gewinnen damit eine recht geringe Vorbereitung für die Leitung eines Bauernhofes im Emek. Sie mögen sich dabei an schwere körperliche Arbeit gewöhnen und Gartenbau erlernen, darum können sie noch lange nicht über eine Wirtschaft disponieren, die auf Ackerbau, Milchwirtschaft, Geflügelzucht, Gemüsebau etc. beruht. Noch weniger Anlernung bietet die Pflanzungskolonie der Bauernfrau. Aus diesem schier unlösbaren Dilemma entstand der genossenschaftliche Großbetrieb. Er ist zugleich Anlernungsfarm und Ansiedlungsform für besitzlose Arbeiter. Sein Wert liegt in seiner dynamischen Wirkung, als Transformator von Städten zu Bauern, und in der Idee der wirtschaftlichen Selbstverwaltung, die den Freiheitsdrang des Juden im hohen Maße befriedigt und Energien auslößt, die ein Lehrbetrieb oder eine administrativ verwaltete Farm niemals auslösen könnten. Ich kenne sehr wohl die Schwierigkeiten der Leitung, Disziplin und Leistungskontrolle in einem Kwuzahbetriebe. Auch die Gemeinsamkeit der Lebensführung stellt die Kwuzah vor neue Probleme, obwohl sie andererseits die Frau und Mutter sehr entlastet. Es muß aber nicht vergessen werden, daß jede Siedlungsform in Palästina ihre noch ungelösten Fragen hat. Im Moschaw z. B., wie in jedem Bauernbetriebe, ist die Ueberarbeit der jungen, mit der Pflege kleiner Kinder beschäftigten Bäuerin eine schwere Belastungsprobe. Der deutsche Kolonistenbetrieb, der den Experten offenbar als Ideal vorschwebt, existiert lediglich durch niedrig bezahlte arabische Lohnarbeit. Der jüdische Ackerbauer Galiläas, unter der vielgepriesenen Pica-Verwaltung, kann trotz arabischer Haraten-Arbeit nicht existieren. Alle Betriebsformen ringen noch mit den ihnen eigentümlichen Fragen. Auch die Kwuzah hat noch nicht ihr letztes Wort gesprochen. Sie mag auch Wandlungen durchmachen. Aber es unterliegt keinem Zweifel, daß es bei uns Juden neben dem individualistischen auch einen