Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 11 (1928)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1928)
- Article
- Randbemerkungen zum Blaubuch
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 474 (sequence 2)
- Language
- German
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474 sagt nicht, daß auch ihre sozial-ökonomischen Maßnahmen die richtigen wären. Aber verwunderlich ist es, daß die Sachverständigen sich nicht Mühe* gegeben haben, auf die Ursachen und Triebkräfte der eigenartigen kolonisatorischen Formen einzugehen, die sie vorfanden. Sie wissen nichts von der Geschichte der jüdischen Kolonisation in Palästina. Sie wissen nichts von den besonderen Fragen, auf die die nationale Kolonisation eine Antwort geben mußte. Sie scheinen nicht einmal über die Besonderheiten unseres Ansiedlermaterials im klaren zu sein. Solche Unwissenheit ist Fernstehenden nicht vorzuwerfen. Aber daß sie es nicht versucht haben, sich Auskunft über die Bedingungen zu verschaffen, welche die ihnen falsch erscheinenden Maßnahmen und Formen erzeugten, ist eine schwerwiegende Fehlerquelle in ihren Berichten. 2. Eine zweite Fehlerquelle, die allerdings erklärt, warum die Untersuchung entfallen ist, bildet die vorgefaßte Meinung der Experten über den Ursprung der sozialökonomischen Neuerungen in der zionistischen Kolonisation. Sie sind nämlich davon überzeugt, daß sie lediglich aus Osteuropa importierte umstürzlerische Theorien sind. Diese wurden der zionistischen Leitung durch politischen Druck seitens der Arbeiterschaft aufgezwungen. So gesellt sich zum Vorurteil über importierte Ideen ein zweites über die Vorherrschaft, ja Alleinherrschaft der Arbeiterschaft in der zionistischen Siedlungsarbeit, und zwar durch Mittel politischen Zwanges. Der ökonomische und nationalkolonisatorische Ursprung der Kwuzah und des Moschaws wurde also nicht erforscht. Der heutige Stand der Siedlungen beider Typen hat ein objektives, wissenschaftlich begründetes Urteil über die wirtschaftliche Ueberlegenheit irgend einer Betriebsform nicht gestattet. Was wir von den Experten erfahren, sind demnach subjektive Meinungsäußerungen über kollektive Wirtschafts- und Lebensformen sowie allgemeine Deduktionen über die Möglichkeit einer Familienwirtschaft ohne Lohnhilfe. Es sind dies Meinungen, die in Palästina selbst in den Diskussionen zwischen den Anhängern beider Siedlungsformen zu hören und darum keineswegs neu sind. Bei allem Respekt vor den betreffenden Sachverständigen können wir indes ihrem Gutachten nicht mehr Gewicht beilegen, als den Zweifeln, die in der einschlägigen Fachliteratur auch sonst vertreten sifid und uns sehr gut bekannt waren, als wir über die Grundzüge unserer Agrarkolonisation zu beschließen hatten. 3. Wie irrig diese These von importierten Ideologien ist, beweist vielleicht am schlagendsten gerade die Vorgeschichte der Kwuzah. Es ist eine geschichtliche Tatsache, daß gerade die marxistischen Pöale- Zion in Rußland und Palästina jahrelang ausgesprochene Gegner der genossenschaftlichen Siedlungsmethode waren, die ihnen Utopismus war. Bekanntlich stand die Arbeiterschaft in Palästina anfänglich dem Oppenheim'schen Versuch kühl und kritisch gegenüber. Ich erinnere mich meiner ersten Diskussionen im Jaffaer Arbeiterklub im Jahre 1912, wobei ein bekannter Hapoel-Hazair-Führer meine agrargenossenschaftlichen Ideen als Flucht vor dem Klassenkampf scharf kritisierte. Die jüdischen Arbeiter wollten damals nichts anderes als das Eindringen in die Kolonien und die Schaffung eines agraren Lohnarbeiters. Erst die harte ökonomische Wirklichkeit dieses verzweifelten Kampfes und die spontan entstandenen Okkupationsgruppen haben die Stellung der palästinensischen