Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 11 (1928)
- Issue
- Heft 8-10 (August 1928)
- Article
- Arbeiterbewegung. Von Dr. Arich Tartakower, Lodz.
- Date
- 1928-08-01
- Page
- Seite 420 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2379786-2379867-2379872-2387006--07477-2387439- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
420 ermöglicht werden könnte. Es müßten hier somit sowohl die Landesregierung, wie auch die zionistische Exekutive helfend eingreifen. Leider gestaltet sich der Gang der Hilfsaktion vorläufig sehr schleppend und es sind daher Komplikationen aus diesem Grunde in der allernächsten Zeit nicht ausgeschlossen. Viel böses Blut schafft auch die Frage der Neukolonisation. Im letzten Jahre ist auf diesem Gebiet, wenn wir die zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in den einzelnen Siedlungen durchgeführten Bauarbeiten außer acht lassen, gar nichts getan worden. Die landwirtschaftliche Arbeiterschaft verlangt nun einen entsprechenden Ausbau der vor zwei Jahren inaugurierten Kolonisierung der Kischonebene, wobei manche Meinungsverschiedenheiten zwischen ihr und der Exekutive entstanden sind. So fordert die Arbeiterschaft die Ansiedlung der vollen ursprünglich bestimmten und vom Kongreß bestätigten Zahl, indes die Exekutive sich auf die bereits zu Okkupationszwecken angesiedelten beschränken möchte. Es wird auch der Exekutive die Benachteiligung der Form der Kvuzah vorgeworfen. Als ein besonders krasses Beispiel wird der Fall der Siedlung des Kibuz Bet des Haschomer Hazair angeführt, dessen erste Okkupationsgruppe nach langen und schweren Verhandlungen noch im Jahre 1926 ihre Arbeit auf dem Boden von Abu Schuscha begonnen hat und der trotzdem und trotz diesbezüglichen Beschlusses des 15, Kongresses bis zum heutigen Tage nicht zur Ansiedlung gelangt ist. Der Vorschlag der Exekutive, nur einen Teil des 90 Mitglieder zählenden Kibuz anzusiedeln, wurde von der Leitung des Kibuz zurückgewiesen. Erst auf der letzten A. C.-Sitzung wurde die Exekutive zur definitiven Ansiedlung des ganzen Kibuz, der bereits eine sechsjährige Geschichte im Lande hinter sich hat, verpflichtet. Die Festsetzung der Position für landwirtschaftliche Siedlungsarbeit in der Höhe von 115.000 Pf. durch das A. C. gibt auch die Möglichkeit, falls natürlich die Eingänge des Keren Hajessod die entsprechende Höhe einhalten sollten, die neuen Siedlungen weiter auszubauen und sie existenzfähig zu machen. Anderseits mehrt sich gegenwärtig im Lande die Zahl von landwirtschaftlichen Arbeitergruppen (sie zählen bereits mehrere Hunderte von Mitgliedern), die eine Ansiedlung auf Grundlage intensiven Pflanzungsbaues anstreben und bereits zu diesem Zwecke aus eigenen Ersparnissen ziemlich beträchtliche Mittel angesammelt haben. Es kann sich daraus bei entsprechender Unterstützung durch die zionistischen Kolonisationsbehörden ein ganz neuer Typus von landwirtschaftlichen Arbeitersiedlungen entwickeln. Im engen Zusammenhang mit den erneuten Kolonisationsbestrebungen der Arbeiterschaft steht die Aktivierung der landwirtschaftlichen Arbeitersiedlungskooperative »Nir«, deren Gründung bereits vor zwei Jahren beschlossen worden ist. Die Kooperative, die als Muttergesellschaft aller im Lande bestehenden Arbeitersiedlungen gedacht ist, soll die weitere Ansiedlung von Arbeitern fördern, als Vermittlerin bei Unterzeichnung der Verträge der einzelnen Siedler mit dem Keren Hajessod fungieren (diesbezüglich wird noch ein scharfer Meinungskampf mit der zionistischen Exekutive geführt, die keinerlei Vermittlungsinstanzen anerkennen will) und soll auch die Verwaltung des gesamten Vermögens der landwirtschaftlichen. Arbeiterorganisation, das aus selbständigen Sammlungen der Histadruth, sowie der ihr angeschlossenen Gruppen im Auslande entstanden und in der Hauptsache in den Genossenschaften und Siedlungen der Arbeiterinnen angelegt ist, übernehmen. Die Kooperative hat nunmehr die Zeichnungsaktion der Geschäftsanteile des »Nir« vorerst im Lande proklamiert, deren Ergebnisse noch abzuwarten sind, Jedenfalls dürfte die Aktivierung des »Nir« von weittragenden Folgen für die weitere Entwicklung des Arbeitersiedlungswerkes sein. 4. Die Arbeitslage,, Das scharfe Problem der Arbeitslosigkeit, das gleich einem Alpdruck zwei Jahre lang auf dem jüdischen Wirtschaftsleben in Palästina gelastet hatte, hat im Verlauf des letzten Jahres vieles von seiner Schärfe eingebüßt, ohne indes gänzlich zu verschwinden. Die Zahl der Arbeitslosen ist allerdings bedeutend zusammengeschmolzen, doch beträgt sie noch immer zirka 1250 im ganzen Land und mag auch darunter ein Teil sein, der zu keiner körperlichen Arbeit fähig ist, für die überwiegende Mehrheit muß dauernd gesorgt werden und die Hauptlast der Sorge fällt naturgemäß auf die verschiedenen Arbeitsämter der Histadruth. Es muß darüber hinaus noch in Betracht gezogen werden, daß ein großer Teil der früheren Arbeitslosen (zirka 3500) heute bei mehr oder minder provisorischen, zumeist öffentlichen Arbeiten der Landesregierung und der zionistischen Exekutive beschäftigt ist und auch für dessen Zukunft gesorgt werden muß. Leider erschwert die häufige Verzögerung von zugesagten öffentlichen Arbeiten oft unnütz die Lage. Die Hauptzahl der Arbeitslosen (fast die Hälfte) konzentriert sich naturgemäß in Tel-Aviv, wo auch die Lage noch immer sehr kompliziert ist und zu manchen Reibungen führt. Allerdings sind die Arbeitsaussichten für die allernächste Zeit keine schlechten. Selbst wenn man die großen, schon seit langer Zeit in Aussicht genommenen Arbeiten, in erster Reihe den Hafenbau in Haifa, außer acht